Westliche Werte Weichgespült

Demokratie ist alles andere als selbstverständlich

Das europäische Projekt ist zu Beginn vom Geist der Aufklärung inspiriert gewesen. Doch derzeit erleben wir eine breite Geistesströmung der Gegenaufklärung. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament sind rechtsextreme und ausländerfeindliche Parteien in vielen EU-Ländern durch den Wählerwillen gestärkt worden. Das unverzeihliche Verhalten Amerikas, seine „Freunde“ bis in die letzten Winkel auszuspähen - sozusagen ihre ganz spezielle Sicht vom Begriff Aufklärung -, sowie die Strategie weltweit tätiger Großunternehmen, ihre Wirtschaftsinteressen rücksichtslos durchzusetzen, Stichwort Freihandelsabkommen („TTIP“): das sind nur zwei Beispiele, wie zerbrechlich unsere demokratisch verfasste Sozialordnung ist. Vielleicht erleben wir ja gerade eine Umkehr in der europäischen Nachkriegsgeschichte seit 1945. Der griechische Philosoph Platon sagte, man steige nie zweimal in dasselbe Wasser des Flusses. Gewiss hingegen ist die momentane Abtragung universalistischer Werte, auf denen die westliche Demokratie beruht




Das politische Wertegerüst des Westens ist beschädigt
 
Niemals in der Geschichte haben so viele so wenigen so viel verdankt. Dieser Satz ist ein Ausspruch des ehemaligen britischen Regierungschefs Winston Churchills und erinnert an den D-Day (die alliierte Invasion in Frankreich 1944), der sich dieses Jahr zum 70. Mal jährte. Historiker sprechen von einem Brückenkopf der Demokratie, gemeint ist der Beginn vom Ende der Naziherrschaft in Europa.

Also, mit den Römern ist das so eine Sache

Buchrezension - Werner Thiel: Der Sommer des Arminius  

Arminius, in der deutschen Nationalmythologie auch Hermann der Cherusker, war ein Anführer der Germanen, ursprünglich in Diensten der Römer, der diesen im Jahre 9 n. Chr. in der Varusschlacht eine verheerende Niederlage beibrachte. Biografische Daten sind rar - Arminius, ein dankbarer Gegenstand von Erzählungen also.

Foto: Rainer Wunderlich

Vor Jahren begeisterte mich eine unter Geschichtswissenschaftlern umstrittene Mutmaßung, die historisch eindeutig belegte Figur des Arminius beziehungsweise Hermann der Cherusker sei identisch mit Siegfried, der deutschesten aller Sagengestalten. Ohne hier auf diesen Expertenstreit einzugehen (siehe u.a. Wikipediaeintrag „Arminius“), war meine Bereitschaft geweckt, bei der sich bietenden Gelegenheit das Buch von Werner Thiel besprechen zu wollen. Neben dem historischen Interesse hat mit Sicherheit auch die geographische Nähe zum Ort der Varusschlacht eine Rolle gespielt, im heutigen Kalkriese bei Bramsche im Osnabrücker Land (www.kalkriese-varusschlacht.de). Das 150 Seiten umfangreiche Buch ist in 40 Kapiteln aufgeteilt, eine Systematik, die ich immer wieder zu schätzen weiß, wenn auch ein kurzes Verweilen im Buch einen Abschluss findet. Doch zum Inhalt. Die spannende Frage lautet, was macht Arminius je nach Sicht zum Überläufer bzw. Verräter? Was sind seine Motive, die Seiten zu wechseln? Die Leistung des Autors besteht darin, gerade wegen der fehlenden Faktenkenntnis, hier eine plausible, tiefsinnige und ganz wichtig, eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen. 

Der Tanz ums goldene Kalb

 

Bildquelle: pixelio.de (Gerd Altmann)Die Menschen, von Wohlstandsminderung bis in die breite Mittelschicht hinein bedroht, werden vor die Wahl gestellt: Pest oder Cholera. Diese Alternativlosigkeit wäre nur dann gerechtfertigt, wenn ein Begriff wie der des wirtschaftlichen Wachstums als quasireligiöse Kategorie verwendet würde. Genau davon lässt sich die Elite der EU- Länder leiten. Diese Engstirnigkeit ist Teil des Problems. Die Alternative wäre eine klare, einzelinteressensfreie Sicht auf die Dinge, frei in den Gedanken, frei von Zwängen, mit dem Mut gegen bestehende Machtverhältnisse zu handeln, von den derzeitigen Amtsträgern, die per Vereidigung - einige mit dem Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ - gegenüber dem gesamten Volk (sozial)staatstragend verpflichtet wurden.

Nichts konzentriert die Gedanken besser als die bevorstehende Hinrichtung - sollte man meinen. Dieses geflügelte englische Wort charakterisierte am besten die Stimmung im Vorfeld des EU-Gipfels Anfang Dezember 2011. Vom Endspiel der Eurokrise, vom Befreiungsschlag zu deren Krisenbewältigung wurde gesprochen. Am Schluss stand die Entscheidung, sich aus der Krise heraus zu sparen. Der Finanzbranche wurde versprochen, bei der Rettung von Schuldenstaaten zukünftig nicht mehr mit einbezogen zu werden. Das Risiko von Schuldenländern sollte nun dauerhaft den Steuerzahlern und künftigen Generationen aufgelastet, das Prinzip der Einheit von Risiko und Haftung für die Finanzbranche endgültig außer Kraft gesetzt werden. Auch die Panzerfaust, die „große Bazooka“ (Wall-Street-Jargon), blieb ungenutzt im Berliner Tresor. Denn dies hätte bedeutet, die Schuldenstaaten, notfalls auch Italien, Spanien oder sogar Frankreich mit massiven Geldmitteln gegen jeden Angriff der Finanzmärkte auszustatten, ermöglicht durch das Fluten mit Geld durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Die Angst ums Geld

Wie aus dem europäischen Deutschland ein deutsches Europa werden könnte 

Neon Eurozeichen, nachts vor der EZB (Foto: Lars Aronsson, creative commons)Wenn aus 359 Euro 364 werden, dann sind das erst einmal 5 Euro mehr. Doch nicht nur die Anzahl auch die Einheit einer Währung bestimmt den Wert des Geldes. Zuvor war diese und jene Krise gewesen. Die Zukunft wird die eine oder weitere bringen. Und diese Art Ausnahmezustand ist die Regel. Jetzt eben die Währungskrise, welche im Grunde eine politische Misere ist.  

Die faktische Einführung des Euros im Jahre 2002 war der Schlusspunkt eines politischen Prozesses, der mit der deutschen Wiedervereinigung begonnen hatte. Die europäischen Partner akzeptierten den Zusammenschluss Deutschlands unter der Bedingung, dass sie ihre Währung, die D-Mark aufgaben und in den Verbund einer Gemeinschaftswährung, des Euros wechselten. Um den Deutschen diesen historischen Schritt zu erleichtern, wurde die Europäische Zentralbank, kurz EZB, nach dem Vorbild der deutschen Bundesbank errichtet: unabhängig von politischen Entscheidungen lediglich der Geldwertstabilität verpflichtet, symbolisiert durch den Standort in Frankfurt/a.M.. Der Euro sollte so stabil werden wie die D-Mark, vorrangige Geldpolitik die Vermeidung inflationärer Zustände.