J'accuse

Gerede und GegenGerede zur Wahlmüdigkeit

Abb.: Stefan Rosendahl (Münster), 'la croisette' - 280 mal 55 cmAm 27. September findet die Bundestagswahl statt. Vier Wochen zuvor die Nordrhein-Westfälischen Kommunalwahlen (30. August). Als sichere Vorhersage gilt die Abnahme der Wahlbeteiligung in Relation zu den jeweils vorhergegangenen Vergleichswahlen. Im Juni machten ca.40% der deutschen Mitbürger von ihrem Wahlrecht gebrauch, das europäische Parlament neu zu bestimmen - also 60% Wahlenthaltung! Aus Wut, aus Desinteresse, aus Langeweile und Müdigkeit?

"Das ist kein Musikfestival - das ist ein Gesamtkunstwerk"

Festivalbesucher vor dem nächsten Musikevent: freudig, gespannt, neugierig und immer friedlich. (Foto: Chr. Theligmann)Ein Bericht zum "TFF Rudolstadt"

 Über Musikgeschmack und Vorlieben lässt sich vortrefflich streiten. Für unsere Redaktion war es einerseits Wiedersehen, die liebgewonnene Musikstudienreise zu jedem Jahr oder andererseits eine Neuentdeckung. Die Rede ist vom Tanz- und Folkfestival Rudolstadt 2009. Am ersten Juliwochenende reiste unsere Gruppe in den Thüringischen Wald und erlebte über drei Tage lang Musikkultur vom Besten.

Donnerstag war unser Anreisetag. Zu fünft machten wir uns am Morgen mit einem PKW auf die Reise von Münster nach Rudolstadt. Zwei Frauen und drei Männer unterwegs in den Freistaat Thüringen. Von einer der regenreichsten Städte in einen der niederschlagsreichsten Landstriche Deutschlands. Wenn das mal Spaß machen würde mit unserer Absicht, die Tage dort auf dem Campingplatz zu verbringen! Um es vorweg zu sagen: Das Wetter war die nächsten fünf Tage kein Thema mehr. Allerschönste, sonnige Tage sollten es werden.

Die CD-Kritik

Hörgenuss mit der Pat Metheny Group

Es war im Juni 1983: Autofahrt zu viert in einem klapprigen VW Käfer, wir waren jung und es war die Rückreise eines Frankreichurlaubs. In Marseille war uns der größte Teil unseres Reisegepäcks im abgestellten Auto geklaut worden. Uns blieb eine Musikkassette, welche die Diebe auf einer Ablage übersehen hatten. So wurde sie für den Rest des Urlaubs unsere einzige, damals noch mp3 freie, musikalische Unterhaltung. Damals war es wichtig, den Hit eines aufgenommenen Musikalbums am Kassettenanfang zu haben. Das half der Orientierung beim Spulen.





Es war ein Livealbum der Pat Metheny Group, der Song zu Beginn: „Are you going with me?“, ein Stück, welches bis in die heutige Zeit bei keiner Konzertzugabe fehlen darf. Der Bruder einer Mitfahrerin hatte uns die Kassette wegen des Albumtitels „Travels“ mit auf die Reise gegeben. Die Musik war uns bis dato unbekannt, die Interpreten waren für uns ein unbeschriebenes Blatt.
Aber dann: Zwei gedämpfte Trommelschläge, der Wiedererkennungsschrei des Publikums, der einsetzende Klangteppich mit dem eigenwilligen, subtil-groovigen Percussionsound, dem shärischen Scat-Gesang, kurzum eine Musik, die einem was Neues, noch nicht Gehörtes darbot. Einer dieser Momente, wo man z.B. Rockmusik erwartet und zum ersten Mal „Shine on you crazy diamond“ hört. Man muss es nicht mögen, aber es ist neu entdecktes Territorium. Und auf diesem fühlte ich mich sofort wohl. Meine Freunde konnten diese Begeisterung nicht teilen.  
Und so ist es bis heute. Seit 30 Jahren tourt die Pat Metheny Group durch die Welt und nimmt seitdem im musikalischen Kosmos den Part ein, der für poppige, von südamerikanische bis asiatische Jazzrockklänge steht – und polarisiert: Für die einen der Inbegriff von musikalischem Spaß und Leichtigkeit, für die anderen Musik, die so unerträglich ist, wie ein an den Zähnen unangenehm klebendes Lutschbonbon. Das mag auch an dem eigenwilligen Gitarrensound von Pat Metheney liegen: Töne, durch einen Gitarrensynthesizer geschickt, die Klangmuster erzeugen, welche an ein Blechblasinstrument erinnern. Dieser Sound ist in den Jahren stilprägend, zum Erkennungsmerkmal der Gruppe geworden. Und natürlich lässt sich mit Jazzrock auch eine Menge Geld verdienen. Populärstes Stück der Pat Metheny Group ist der Soundtracktitel „This is not America“, dem David Bowie seine Stimme geliehen hat. Aber ob Zuckergußmusik oder echte Kunst: die Livekonzerte sind ein echter Hörgenuss. Wer jemals in einer lauen Sommernacht im Hamburger Stadtpark oder auf der Berliner Waldbühne den regelmäßig stattfindenden Tourevents lauschen durfte, wird zumindest die im innigen Clinch tätigen Zuschauerpärchen nicht vergessen können.

Weitere Video-Links:
"This is not America "- Pat Metheny Group      sowie  
 "Are you going with me" - Pat Metheny & Anna Maria Jopek    und
"This is not America" - Pat Metheny & Anna Maria Jopek
 

Jazz für Waisenkinder

Die CD Trilogie des Tingvall Trios

Wie kommt man als Musikliebhaber zum Jazz? Zum Beispiel direkt aus der Sparte Rock und Pop. In jedem größeren Schallplatten -, CD - oder mp3 Musikarchiv, kann man auf Aufnahmen auch von Miles Davis oder Herbie Hancock stoßen und vielleicht findet sich  das legendäre Köln Concert von Keith Jarrett in der Sammlung.
Im letzten Jahrezehnt mischte das Klaviertrio Esbjörn Svensson Trio, kurz e.s.t. aus Schweden die Musikszen auf, indem es die Genreszenen sprengte. Die Bandmitglieder verstanden sich als Rockgruppe, die Musik spielte, welche Kritiker als Jazz bezeichneten. Der große Erfolg beim eher dem Rock-Pop Bereich zugeneigten Publikum und die ausverkauften Konzerte an eher jazzfremden Veranstaltungsorten gaben ihnen Recht. Im Sommer 2008 wurde diese Bandkarriere abrupt durch den tödlichen Tauchunfall von Esbjörn Svensson zwangsbeendet.






„Der König ist tod, es lebe der König“ – dieser Spruch gilt in der Musikszene nicht. Aber eine musikalische Alternative für verwaiste e.s.t. Liebhaber wird sichtbar, bzw. hörbar: Das in Hamburg beheimatete Tingvall Trio, bestehend aus dem Schweden Martin Tingvall (Piano), dem Kubaner Omar Rodriguez Calvo (Bass) und dem Deutschen Jürgen Spiegel (Drums).
Das erstaunliche Debutalbum „Skagerrak“ erschien bereits 2006, 2008 folgte „Norr“ und die als Trilogie gedachte Veröffentlichungsreihe wurde 2009 mit „Vattensaga“ abgeschlossen.
Die Musiker mögen die Vergleiche scheuen, die Hörer stellen sie trotzdem: Musikalisch noch einen Tick raffinierter in der Art Improvisation zu vermeiden(!) und dafür das einzelne Musikstück von seiner Melodieentwicklung her aufzubauen, das zeichnet das „Tingvall Trio“ im Vergleich aus.  Vermeinte man dort den klassischen Einfluss Bachs zu hören, sind hier Anspielungen an die romantische Klaviermusik des 19. Jahrhunderts zu erkennen, mit leichten Reminiszenzen an volkstümliche Weisen.
Die Art wie das Trio spielerisch zusammenfindet ist einfach großartig: Das Schlagzeug, welches nicht nur den Takt vorgibt, sondern die gesamte Motorleistung hervorbringt, der Bass, der jederzeit sicher die Spur hält, welche das Pianospiel am Steuer vorgibt, dies alles zeugt von einer hohen Professionalität, die eingängig das Ohr des Hörers erreicht.
Ich wünsche dieser Musik alles Gute und viel Erfolg, vor allem aber aus trauriger Erfahrung heraus eine längere Lebensdauer.