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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.
Eine Sterbende haucht aus. Ein Lebender schreit. Beide werden nicht gehört. In einer Szene der Streaming Serie „The Crown“ über das britische Königshaus kommt es zwischen Prince Charles, der an zweiter Stelle, und seiner Mutter, Elisabeth der Zweiten, die an erster Stelle, zu dem Dialog: „Ich habe nicht nur eine Rolle, ich bin auch eine eigenständige Person mit einer Stimme.“ (Charles). Elisabeth: „Ich verrate dir etwas: Deine Stimme will keiner hören!“
In Friedrich Schillers Theaterstück „Maria Stuart“, legt dieser seiner Bühnenfigur das Bonmot in den Mund: „Die Verachtung ist der wahre Tod.“
Der Verachtung ausgelieferte Menschen können ausweichen auf Verschriftung. Ich glaube, dass u.a. aufgrund solcher Verletzungen Menschen zu Schreiberlingen werden. Am Anfang steht in der Regel ein Tagebuch, in größter Not hilft das Stundenbuch. Um diese existentielle Angst vor Verachtung zu verdeutlichen, denke ich an den nie abgeschickten „Brief an den Vater“ von Franz Kafka. Es sind nie die Ängste vor der Person. Es sind die Ängste vor den Reaktionen dieser Person. Fall Kafka: Die Befürchtung, dass der ungeöffnete „Brief an den Vater“ vom Vater in 10.6 Einzelstücke zerrissen und verrissen hätte werden können.
Mir sind die „Kapselmenschen“ bekannt, mir auch verwandt. Immer mehr Menschen landen am Ende ihres Lebens in der Kapsel einer Urne. Und nur wenige Menschen ist es vergönnt – ich glaube, es ist ein Privileg – in einer Raumkapsel durchs Weltall fliegen zu dürfen. In beiden Fällen eine einsame Reise. Die Dialektik besteht darin, in dem einen Fall von Lebenstraum und Glück sprechen zu dürfen, in dem zweiten Fall unabdingbar vom Ende eines Lebens sprechen zu müssen. Es ist eine Frage der Perspektive. „Kapselmenschen“ gibt es aber auch in der Phase „Lebensblüte“ einer Conditio humana, des Lebens Scheitelpunkt. Männlich, nicht quer. Umso potenter die Schaffenskraft, Leben aus einem Guß, das hat unwidersprochen Hand und Fuß.
Bei dem Wechsel der Perspektive empfinde ich auf mentaler Ebene Lob und Anerkennung für Hermann K.. So hieß der Vater von Franz Kafka. Seine Verachtung war eher von gedämpfter Art. Chapeau! Hermann K., auch ein „Kapselmensch“ in seiner narzisstischen Isolation. „Kapselmenschen“, welche die Selbständigkeit ihrer Liebsten nicht ertragen können, demonstrieren ihre Verachtungsgesten, auf drei verschiedene Art und Weisen: Normalerweise wird ein autonomes Handeln von ihnen verächtlich kommentiert, im ärgsten Fall bestraft und sanktioniert. Nur in der günstigsten Variante, der Zweiten als Drittes, wird die ungewohnte und unerwünschte Selbständigkeit des Gegenübers – selbstredend, die Causa zwingt zur Wortwiederholung – verächtlich (!) und ohne Kommentar ignoriert, überhört, übersehen.
Abgekanzelt und abgeschweift: Warum liegen im Krankenhaus Verletzte und Kranke auf derselben Station? Weil vielleicht auch psychisch Verletzte gerne und vor allem von den Tätern als kranke Menschen bezeichnet werden? Mein Psychiater sagte die vier (un)erhörten Sätze, mir unvergessen: „Sie sind der Gesündeste in ihrer Familie. Aber Sie sind derjenige, der am meisten verletzt wurde, dem am meisten zugemutet wurde. Deshalb sitzen Sie mir gegenüber, sehr mutig. Erzählen Sie, ich höre Ihnen gerne zu.“ Was würde Hermann K. dazu sagen: Höre auf, so mimosenhaft zu sein! Ja, es sind stets die Unsensibelsten, die am empfindlichsten sind, denkt da der „Franz“. Gibt aus Verzweiflung nicht den Löffel ab, greift vielmehr aus ureigenster autonomer Widerstandskraft zur Feder. Weit entfernt zu sagen: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ (Thomas Brasch): In Mutters Erde. (In M.emory 1930-2026)
Der Rest ist Schweigen.