Beitragsbild: pixabay_©_lizenzfrei

ÆØÅY.

Neulich frühmorgens beim Bäcker die bekannte Floskel der Getreide weiterverarbeitenden Fachkraft: „Wer ist jetzt der Nächste?“ Turnusgemäß wollte ich mich äußern, doch nur noch irritiert und nicht mehr hörbar meine stille Antwort, zu spät: „Ja, ich… Doch…“.

Weil, seitlich meiner linken Schulterblattflanke, die Dame, welche die Minuten zuvor beim Eintritt in die Bäckerei noch hinterrücks auf dem Parkplatz mit erheblichem Abstand, nun jedoch ihrerseits mit wenig Anstand, von mir wahrgenommen wurde, mit selbstsicherer Stimmlage Alt, im Ton rechtschaffend, folgenden Lebensmittelwunsch zum Ausdruck brachte: „Zwei Zwetschendatschi. Einen mit Hefeteig, den anderen mit Butterstreuseln. Aber mitnichten vom Vortag.“ Man glaubt es kaum. Einfach so verbal vorbeigequetscht. Ich hätte am liebsten gesagt: “Undskyld mig?“ Doch nur geseufzt, wiederum kaum hörbar.

Es gibt Dinge, die man als Deutscher, einer dänischen Wahlminderheit angehörig, nicht verstehen muss, einem Angehörigen der britischen Insel sich jedoch erst gar nicht stellen. Die Briten können zum Beispiel „Schlange stehen“. Nicht nur kurz, nicht nur widerwillig und schon gar nicht unter lautem Protest. Nein, mit Würde, Geduld und einer beinahe religiösen Hingabe an die von ihnen so genannten Queue.

Die Briten haben das „Schlange stehen“ offenbar zur nationalen Charaktereigenschaft erhoben. Findet sich ein Brite irgendwo allein wieder, bildet er eine ordentliche Schlange. Notfalls aus einer Person. Der Deutsche hingegen erkennt eine Schlange erst, wenn mindestens drei Menschen gleichzeitig versuchen herauszufinden, wer eigentlich zuletzt gekommen ist.

Großbritanniens „Jumping the Queue“ – ein Tabu. Niemand drängelt, niemand schiebt, niemand ruft: „Ich war aber zuerst hier!“ Man wartet. Und zwar schweigend, freundlich und mit jenem leisen Lächeln, das vermutlich bedeutet: „Ich finde das alles vollkommen unerträglich, aber ich werde mich hüten, es zu sagen.“ Denn hier greifen zwei britische Lebensregeln ineinander: „Never complain, never explain“ und „Keep calm and carry on“. Ob die Schlange nun zehn Minuten oder wie bei der Aufbahrung von Queen Elizabeth II. mehr als 24 Stunden dauert: Der Brite bleibt gelassen. Er smalltalked ein wenig, erzählt einem Fremden sein halbes Leben und rückt anschließend zwei yards weiter. „Very lovely“.

Well, besonders beeindruckend war die Queen nach dem Tod der Queue. (I beg your pardon?) Die Queue nach dem Tod der Queen, indeed! Sie war so lang, dass die Regierung sie zeitweise schließen musste. Die Briten reagierten darauf nicht etwa mit Empörung. Sie bildeten eine Schlange am Ende der Schlange. Mehr britishness geht kaum.

Der Deutsche hätte an dieser Stelle vermutlich bereits dreimal auf die Uhr gesehen, nach einem verantwortlichen Staatsdiener verlangt und erklärt, dass das „so ja wohl nicht funktionieren kann“. Wir Deutschen beherrschen vieles: pünktliche Züge, korrekt sortierten Müll und das lautstarke Beschweren über unpünktliche Züge und unkorrekt sortierten Müll. Geduldig in einer Schlange zu stehen, gehört eher nicht zu unseren Kernkompetenzen.

Darin liegt das Geheimnis der britischen Queue: Sie ist weniger eine Methode, Menschen zu ordnen, als eine gesellschaftliche Vereinbarung. Jeder weiß, wo er steht. Und akzeptiert es. Kein Drängeln, kein Erklären, kein Aufbegehren. Man wartet gemeinsam. Und wenn es ganz schlimm kommt? „Just sit down and have a pint.“ Man kann hinzufügen: Danach stellt man sich wieder an. Natürlich hinten. Schließlich ist man Brite.

Das Erstaunliche ist nämlich nicht, dass die Briten „Schlange stehen“, sondern wie sie es tun. Eine britische Queue ist kein zufälliges Ansammeln von Menschen vor einem Schalter. Sie ist eine soziale Institution, beinahe eine Verfassung in praktischer Form. Es gibt Regeln, obwohl niemand sie erklären muss. Es gibt eine Reihenfolge, obwohl niemand Nummern gezogen hat. Und es gibt Sanktionen, obwohl kein Polizist danebensteht.

Wer sich vordrängelt, begeht einen gesellschaftlichen Tabubruch. Man muss sich nicht anpöbeln. Ein kurzer Blick genügt. Vielleicht ein kaum hörbares „Excuse me?“. Und schon steht diplomatische Zweideutigkeit im Raum. Denn selbst dieses „Excuse me?“ bedeutet nicht: „Was fällt Ihnen ein, Sie unverschämter Mensch?“ Es bedeutet eher: „Ich möchte Ihnen die Möglichkeit geben, selbst zu erkennen, dass Sie sich gerade gesellschaftlich unmöglich benehmen.“

Das ist eben die britische Spezialität: Konflikte werden nicht vermieden, sondern in höfliche Watte gepackt. Wenn ein Brite sagt: „Very interesting“, kann das heißen, dass er etwas tatsächlich interessant findet. Es kann aber ebenso gut bedeuten: Was für ein Unsinn. Und wenn er sagt: „You might consider something else“, ist damit keineswegs zwingend eine freundliche Anregung gemeint. Es kann durchaus heißen: Das ist kompletter Bullshit.

In einer deutschen Schlange wäre eine solche Kommunikation kaum denkbar. Hier werden Gefühle direkt und ungefiltert ausgedrückt, die den Kampfmodus mit germanischem Keulenschwung von der Kette lassen. Schlangentoxisch mit Sätzen wie: „Das gibt’s doch nicht!“, „Also wirklich!“, „Ich stand hier schon!“ Und immer wieder: „Wahnsinn – geht’s noch?“ Oder, gemäß der Schlangenausmaße: „Wo ist denn hier bitte schön das Ende – wo ich beabsichtige zu stehen mit Sicherheit NICHT.“

Das Ende einer deutschen Schlange ist ein Phänomen eigener Art. Es ist weniger ein geografisch eindeutiger Ort als vielmehr die statistische Wahrscheinlichkeit einer körperweltlichen Welle aus Empörung. Ein teutonisches Quantenfeld, diffus und unbestimmt. No Cool Britannia.

Ændr   Øjeblikket  Åben  Ydmyghed