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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.
Deutschland um das Jahr 2026. Es war einmal… ein Land der Dichter und Denker. Es hat sich weiterentwickelt. Heute sind wir vor allem das Land der Nörgler und Gekränkten. Wo früher Ingenieure Brücken bauten, bauen wir inzwischen Empörungswellen. Wo einst made in Germany exportiert wurde, exportieren wir mittlerweile vor allem schlechte Stimmung.
Wer derzeit durch deutsche Innenstädte läuft, bekommt den Eindruck, die Bevölkerung befinde sich in einer Art kollektiver Dauerprüfung. Die Kassiererin ist genervt, der Autofahrer aggressiv, der Radfahrer beleidigt, der Kunde empört und der Nachbar sowieso schon seit Jahren enttäuscht von allem und jedem. Selbst Menschen, die eigentlich nur ein Brötchen kaufen wollten, wirken oft so, als hätten sie gerade eine persönliche Kriegserklärung erhalten.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Wirtschaftskrisen, Bürokratie, Inflation oder verspätete Züge. Nein, Deutschland leidet offenbar an einer weit tiefergehenden Volkskrankheit: dem kultivierten Groll. Wir sind inzwischen Meister darin geworden, Kränkungen zu sammeln wie andere Menschen Briefmarken. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger meinte bereits vor der Jahrtausendwende, Deutschland sei „ein Kandidat für den Nervenzusammenbruch“.
Szenen am Rande des Nervenkollaps: Der oder die frische Ex nimmt beim Auszug die Gewürze mit – da sticht der Hafer. Die Freundin beendet mitten in meinem Weinkrampf das Telefongespräch – eine charakterliche Bankrotterklärung. Der Nachbar sagte vor drei Jahren nicht „Guten Morgen“ – eine offene Wunde, die auch nach 3 vergangenen Buß- und Bettagen nicht verheilen will.
Psychologen kennen das als Groll. Die Deutschen nennen es Erinnerungsvermögen. Während andere Nationen Verletzungen irgendwann verarbeiten, pflegen wir sie liebevoll wie seltene Zimmerpflanzen. Wir gießen sie regelmäßig mit Selbstmitleid, düngen sie mit schlechten Nachrichten und stellen sie täglich ans Fenster unserer Gedankenwelt.
Aus einer einmaligen Kränkung folgt ein Lebensprojekt. Dabei leben wir paradoxerweise in einem der sichersten, wohlhabendsten und stabilsten Länder der Erde. Natürlich läuft nicht alles rund. Die Bahn hat sich von der Idee des Fahrplans weitgehend emanzipiert. Für einen Handwerkertermin benötigt man inzwischen ungefähr die gleiche Vorlaufzeit wie früher für eine Mondmission. Und Formulare vermehren sich in deutschen Amtsstuben offenbar durch unbeaufsichtigte Kopierer, weil sich die Staatsdiener ihrer Life Balance im Besprechungszimmer widmen.
Die Diskrepanz bemerkenswert. Menschen in anderen Teilen der Welt sorgen sich um Krieg, Hunger oder existenzielle Not. Auf Deutschland schauend beobachtet man das Zerbröseln einer verwöhnten Anspruchsgesellschaft. Das Land wirkt wie eine gigantische Selbsthilfegruppe, deren Mitglieder sich gegenseitig versichern, dass wirklich alles furchtbar ist. „Die Wirtschaft schwächelt!“ „Die Gesellschaft zerfällt!“ „Die Jugend ist verloren!“ „Und der neue Kaffeeautomat im Büro taugt auch nicht für die verwöhnten Geschmacksknospen!“ Applaus der Beteiligten. Allgemeine Zustimmung bei den Spiegelneuronen. Sitzung beendet.
Das Problem dabei ist nicht nur die schlechte Stimmung selbst. Das Problem ist ihre erstaunliche Produktivität. Schlechte Laune erzeugt weitere schlechte Laune. Pessimismus produziert noch mehr Pessimismus. Wer ständig hört, dass alles den Bach heruntergeht, investiert weniger, konsumiert weniger, engagiert sich weniger und vertraut weniger. Die selbsterfüllende Prophezeiung ist vermutlich die erfolgreichste deutsche Wachstumsbranche.
Psychologen beschreiben einen ähnlichen Mechanismus beim persönlichen Groll. Wer jahrelang an Verletzungen festhält, schadet am Ende vor allem sich selbst. Der Täter hat längst vergessen, was passiert ist. Das Opfer hingegen führt noch immer innere Gerichtsverhandlungen, schickt täglich neue Beweisstücke ans Oberstübchen und verkündet regelmäßig das Urteil. Lebenslänglich – selbstverständlich ohne Bewährung.
Ältere Menschen wirken häufig zufriedener wir als jüngere. Liegt es an ihrer Lebenserfahrung? Vielleicht aber auch daran, dass sie irgendwann erkennen, wie anstrengend es ist, jahrzehntelang jede Kränkung mit sich herumzutragen. Die berühmte Zen-Geschichte von den beiden Mönchen bringt es auf den Punkt. Der eine trägt die zickige und undankbare Prinzessin über die Pfütze und lässt sie anschließend los. Der andere trägt sie gedanklich noch Stunden später mit sich herum.
Dabei wäre Vergebung möglicherweise eine politische und gesellschaftliche Idee unserer Zeit mit revolutionärem Potential. Nicht, weil die anderen sie verdient hätten. Sondern weil wir sie verdienen. Vergebung bedeutet schließlich nicht, dass man Unrecht gutheißt. Sie bedeutet lediglich, dass man beschließt, dem Ereignis nicht länger kostenlosen Wohnraum im eigenen Kopf zur Verfügung zu stellen. Genau daran scheint es jedoch vielerorts zu scheitern.
Wir sind inzwischen so sehr daran gewöhnt, empört, gekränkt oder pessimistisch zu sein, dass gute Nachrichten beinahe verdächtig wirken. Wenn irgendwo etwas funktioniert, sucht der Deutsche instinktiv nach dem Haken. Ein neuer Kindergarten eröffnet? Bestimmt zu wenig Personal. Die Wirtschaft wächst? Wahrscheinlich nur vorübergehend. Die Sonne scheint? Wartet nur ab. Vielleicht regnet es morgen. Man könnte fast glauben, Optimismus sei hierzulande inzwischen ein riskanter Extremsport. Und doch gibt es immer wieder Momente, die zeigen, dass etwas anderes möglich wäre.
Ich bin es leid sie mit der Lupe suchen zu müssen. Bitte aufhören aus jeder Schwierigkeit eine Tsunamiwelle zu machen. Wer ständig beleidigt ist, wird irgendwann verbittert. Wer ständig schwarzsieht, erkennt irgendwann kein Licht mehr. Und wer permanent auf der Rolltreppe des Lebens „Weg da!“ brüllt, sitzt am Ende zwar als Erster auf seinem Platz. Aber eben allein.
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, zwei urdeutsche Gewohnheiten aufzugeben: das ewige Schlechtreden und das liebevolle Pflegen alter Kränkungen. Die Wirtschaft würde davon profitieren. Die Demokratie vermutlich auch. Und die Rolltreppenfahrer ganz sicher.
Der Rest ist Schweigen.