Beitragsbild: pixabay_©_lizenzfrei

Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Es ist Zufall, dass der Abschluss der erfolgreichen Artemis II Mission mit dem Jahrestag zusammenfiel. Am 12. April 1961 hatte sich sich ein Mensch, Juri Gagarin, zum ersten Mal im Erdorbit aufgehalten.

Inzwischen könnte man meinen, wir hätten es ihm gleichgetan: Gagarin’s Point of View. Jedes Smartphone liefert uns hochauflösende Aufnahmen der Erde, Satelliten kartografieren jeden Hinterhof, und Google Earth lässt uns per Mausklick über den Himalaya schweben. Doch in den vergangenen Tagen, während die Artemis-2-Mission die ersten Menschen seit über einem halben Jahrhundert in die Nähe des Mondes katapultierte, haben wir vielleicht ein kollektives, auch nachhaltiges Innehalten verspürt. Es ist eine emotionale Begleiterscheinung, dass ich zeitgleich ein schmales Buch gelesen habe: Samantha Harveys „Umlaufbahnen“ (Originaltitel: Orbital).

Was Harvey in ihrem Booker-Prize-gekrönten Roman beschreibt, ist weit mehr als nur ein literarisches Zusatzprogramm zur Reise zum Mond. Während Christina Koch, Reid Wiseman, Victor Glover und Jeremy Hansen in der Orion-Kapsel die Einsamkeit des tiefen Raums durchmaßen, lieferte mir Harvey das gefühlsmäßige und philosophische Vokabular für das, was dort oben geschah.

Harvey nennt ihr Werk eine „Space Pastoral“ – ein ländliches Idyll, nur eben im Orbit. Sie beschreibt sechs Astronauten auf der ISS, die in 24 Stunden sechzehnmal die Welt umrunden. Es gibt keinen Plot, keine Aliens, keine explodierenden Sauerstofftanks. Nur die Arbeit, das Schweben und den Blick aus dem Fenster.

Exakt hier schlägt die Brücke zur Realität von Artemis 2. Wenn Jeremy Hansen beschreibt, wie ihn der Anblick der Erde von der Rückseite des Mondes aus „einfach umgehauen“ hat, dann ist das genau jener Overview-Effekt, den Harvey in ihrer lyrischen Prosa seziert. Die Astronauten der Orion-Kapsel sind im Grunde Harveys Protagonisten in Fleisch und Blut: Menschen, die in einem metallenen Gehäuse festsitzen, während draußen die „schlichten Ewigkeiten des Universums“ vorbeiziehen.

Harveys Astronauten blicken auf eine Erde, auf der keine Staatsgrenzen sichtbar sind, aber sehr wohl die „Hand der Politik“: schmelzende Gletscher, Algenblüten und die Lichter von Städten, die von Ungleichheit zeugen. In einer Zeit, in der die Artemis-Mission auch als Symbol nationaler Stärke und technologischem Wettbewerb inszeniert wird, wirkt Harveys Appell für eine grenzenlose Menschlichkeit fast naiv und zugleich überwältigend.

Es ist das Paradoxon der modernen Raumfahrt: Wir geben Milliarden aus, um uns vom Planeten zu entfernen, nur um dort draußen zu begreifen, dass wir untrennbar mit ihm verbunden sind. „Was wir der Erde antun, tun wir uns selbst an“, sagte Harvey bei ihrer Booker-Preisverleihung 2024. Die Artemis-Crew hat diese Zerbrechlichkeit jetzt aus einer Distanz erleben dürfen, die seit 1972 kein Mensch mehr erreicht hat.

Die Rezensionen zu „Umlaufbahnen“ loben oft die „hypnotische Kraft“ der Beschreibungen von Stürmen und Kontinenten. Wenn wir heutzutage die Live-Bilder der Orion-Kapsel verfolgt haben, sah ich diese Bilder mit Harveys Worten im Hinterkopf. Das Buch erinnert uns daran, dass Raumfahrt nicht nur aus Triebwerksschüben und Telemetriedaten besteht, sondern eine zutiefst menschliche, fast religiöse Erfahrung ist.

Wir schauen nicht nach oben, um den Mond zu besitzen, sondern um die Erde wiederzufinden. Artemis hat die Bilder geliefert, Samantha Harvey das Bewusstsein dazu. Zusammen ergeben sie die wichtigste Flaschenpostbotschaft unserer Gegenwart: die Wiederentdeckung unserer Heimat aus der Ferne und der Fremde.

Der Rest ist Schweigen.