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Jason Stanley ist ein amerikanischer Philosoph und unterrichtet an der Yale Universität, die als einer der weltweit besten wissenschaftlichen Kaderschmieden gilt. Er forscht als Geisteswissenschaftler zu den Themen Geschichte des Totalitarismus, der Tyrannei und Diktatur. Der Wochenzeitung Zeit gab er kürzlich ein Interview: „Was wir jetzt sehen – das ist Faschismus.“ Ist der Trumpismus tatsächlich eine Wiederkehr dieser Herrschaftsform? Stan Laurel, Pardon, was schreibe ich da, Jason Stanley, soviel ist sicher, steht mit seiner Meinung nicht allein da. Aber es gibt noch keinen Begriff für das, was in den USA gerade passiert. Es entsteht nämlich eine neue Staatsform. Die endgültige Bezeichnung ist nur noch nicht gefunden.
Einige Vorschläge lauten: AI-toritarismus, Cyberlibertarianism oder auch Technofeudalismus. All diese Titel berücksichtigen die Erkenntnis, dass wir in ein digitales Zeitalter wechseln, in eine neue Epoche, die totalitäre Strukturen aufweisen wird. Und eine Figur wie Donald Trump ist in dieser neuen Welt eher eine Projektionsfläche als eine wirkmächtige Herrscherfigur. Mit seinem einflussreichen Hofnarren Elon Musk an seiner Seite ist das nicht lustig. Das Atomzeitalter in einem ungewisse Transferprozess ohne etablierte Standards: Überlegungen zu dieser Kombination beunruhigen.
Warum ist die Bezeichnung Faschismus nur eine Begriffskrücke? Der Faschismus braucht einen starken Staat mit mächtigen Institutionen, welche die Macht zur Anwendung bringen. In den USA werden Institutionen gerade ersatzlos abgeschafft. Der Faschismus braucht eine machtvolle propagandistische Bildsprache für die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. Das fehlt gerade. Natürlich gibt es das Bespielen von nazistischen Gesten; so denke man nur an Elon Musks in die Höhe gerissenen Arm am Rednerpult. Das sind aber ideologiefreie Provokationen, die nur die Absicht verfolgen: Demokratische Normen sollen lächerlich gemacht, liberale Staatsformen sollen überholt erscheinen. Aufgrund solcher Motive werden sie provokativ verunglimpft.
Auch der nicht zu übersehende Fremdenhass gleicht nicht dem der faschistischen Ideologie. Der American Dream ist ein Gründungsmythos und ein ur-amerikanisches DNA-Brandzeichen. Dieser Traum ist ausgeträumt und eine Regierung muss einen Umgang mit dieser Tatsache, eine neue Erzählung präsentieren: Galt bisher das Versprechen des sozialen Aufstiegs, werden nun negative Gefühlswallungen, Wut und Neid getriggert, um so die Operation Schadenfreude unters Volk zu bringen. Das Leid des anderen wird dann sogar „gerne“ gesehen, solange das Leid nur mich nicht trifft. Ist der amerikanische Traum nur noch ein gestriges Phantasiegespinst, soll der drohende Abstieg wenigstens andere treffen. Und besonders perfide: Ich will es zum eigenen Vergnügen wahrnehmen wollen. Bin ich doch durch lebenslangem TV-Konsum, Stichwort Daily Soaps, genau darauf emotional trainiert worden.
Das liberale Demokratiemodell gründet auf eine Verteilung des Wohlstands, das Gemeinwohl hat hohe Priorität. Das Leben ist unwägbar, der starke Staat sorgt für Sicherheit, aber auch für dogmatische Gleichheit, die das individuelle, auch risikoreiche Leistungsprinzip hemmt. Der liberale Rechtsstaat ist eine Staatsform, die mit dem vorgeschriebenen Konsensprinzip in einer autoritären Welt in den Augen ihrer Verächter die Gültigkeit verloren hat. Ähnelnde Eigenschaften mit dem faschistischen Modell sind natürlich unstrittig. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung müssen Staat und Gesellschaft aber nicht mehr gleichgeschaltet, Staat und Gesellschaft können jetzt vollumfänglich automatisiert werden.
Der faschistische Staat benötigte zur Verwaltung von Regeln und Verboten eine starke Bürokratie. Jetzt kann die gesamte Bürokratie per Zugriff auf die Löschtaste, in der präsidialen Amtssprache per Dekret, durch eine digitale Verwaltung ersetzt werden. Diese Automatisierung ermöglicht die absolute Kontrolle und sorgt für störungsfreie Entscheidungsprozesse. Ein Durchregieren ohne den überholten Zwang zur Konsensbildung, dem komplizierten Ineinandergreifen der demokratischen Gewaltenteile wird möglich. Der Faschismus brauchte noch den starken Staat, der Trumpismus schafft ihn einfach ab. Hinweg also mit den alten Strukturen und Institutionen! Mit der Technologie des 21. Jahrhunderts, vor allem künstlicher Intelligenz (KI), stehen alle Mittel bereit, um den Ansprüchen einer digitalen Verwaltung ohne menschliche Tätigkeiten, automatisiert zu genügen. Und die totalitäre Kontrolle erhalten diejenigen, welche die digitalen Quellcodes in den Händen halten. Welche Akteure sollten es sonst sein?
Die TV-Geschichte, gemeint ist nicht die alte Tele-Vision Variante, sondern die brandaktuelle Trump-Vision, hat einen spannenden Cliffhänger: Wer instrumentalisiert wen am Ende – Trump vs. Musk? In den USA und seinem Milieu gilt inzwischen – Rückschläge sind da eingepreist, daher im risikoarmen Alt-Europa schwer zu verstehen – folgende Verhaltensregel: Never bet against Elon Musk. You can only lose.
Ein wahrscheinliches Skript: Der alte Egomane D. Trump hält sich Zeit seines Lebens wacker, mit intakten Lauschern unter seiner roten MAGA-Kappe. (Achtung Spoiler: Bald Ist Ostern, Frühlingsfest – ja, die Erde dreht sich weiter, immer weiter.) Beim Versuch, eine Dynastie nach dem Vorbild der Kennedys oder der Familie Bush zu etablieren, wird jedoch E.M. einen Typen wie Donald T. jr. allein kraft, der Schubkraft einer seiner Raketenstufen leicht und schwerelos aus der realen Welt boostern können.
Der Beitrag greift auf die Lektüre von dem Artikel "Faschismus? Das trifft es nicht"/ Adrian Kreye zu, publiziert am 26. März 2025 - Süddeutschen Zeitung. (Das Kunstwort "AI-toritarismus" prägte der Medientheoretiker Paul Feigelfeld)