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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Früher lasen Menschen Zeitungen, schauten Nachrichten und regten sich danach auf wie Ekel Alfred in der TV Serie Ein Herz und eine Seele. Heute ist alles viel „demokratischer“, weil jeder sich jederzeit über alles aufregen kann; sofort, öffentlich und vorzugsweise in Großbuchstaben. Auf den sozialen Plattformen, wo die objektive Wahrheit – einzige Voraussetzung ist ein funktionierendes WLAN – gleichgesetzt ist mit der subjektiven Meinung jedes Einzelnen. Ein unmögliches Szenario für die eine Wahrheit und Realitätswahrnehmung im Dschungel der Meinungsvielfalt.

Denn bei dieser Vielfalt herrscht die irreale Überzeugung vor, dass jede Aussage gleich wertvoll sei. Ob wissenschaftlich belegt, frei erfunden oder auch rasch aus der Telegram-Gruppe „Stolz und Unproduktiv“ kopiert. Alles ist Meinung. Und heutige Meinungen werden niemals hinterfragt. Denn wer fragt, relativiert. Und wer relativiert, gehört vermutlich zum System.

An dieser Stelle wird das sogenannte Hostile-Media-Phänomen wichtig. Ein sperriger Begriff für eine jedoch sehr einfache Beobachtung. Menschen mit starken Überzeugungen halten selbst eine ausgewogene Berichterstattung grundsätzlich für voreingenommen. Selbstverständlich konträr zur eigenen Position.

Der Fußballfan kennt das Prinzip gut. Der Schiedsrichter hat immer für die anderen entschieden, wenn die eigene Mannschaft verliert. In der Medienwelt funktioniert es ähnlich. Nur wenn beide politischen Lager denselben Bericht gleichzeitig als propagandistisch beschimpfen, war er höchstwahrscheinlich mehr oder weniger ausgewogen. Eine spannungsfreie Entscheidungsfindung und Akzeptanz, die wird so unmöglich.

Besonders tragisch ist dabei die Rolle der gescholtenen öffentlich-rechtlichen Medien. Diese inzwischen unzeitgemäß wahrgenommenen Institutionen, die tatsächlich noch versuchen, Objektivität zu beanspruchen. Objektivität! Ein Anspruch, der im Internetzeitalter ungefähr so modern wirkt wie eine öffentliche Telefonzelle im Stadtbild oder höfliche Benimmregeln in Diskussionsforen.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben nämlich ein strukturelles Problem. Ihre gesamte Existenz basiert auf der Annahme, dass Fakten relevant seien. Dass man recherchiert, überprüft, einordnet und unterschiedliche Perspektiven darstellt. Sie arbeiten nach Regeln, die auf sozialen Plattformen als verdächtig gelten. Denn dort funktioniert Kommunikation anders. Nicht die sorgfältigste Analyse gewinnt, sondern der emotionalste Satz. Am erfolgreichsten ist nicht, wer Recht hat, sondern wer Empörung erzeugt. Ein sachlicher Beitrag über komplexe Zusammenhänge hat gegen einen Tweet wie „DIE MEDIEN LÜGEN!!!“ ungefähr dieselben Chancen wie ein Taschenrechner im Amazonasgebiet oder gleich und ohne Umwege in Jeff Bezos‘ Rechenzentren.

Das Hostile-Media-Phänomen verschärft diese Dynamik zusätzlich. Wer ohnehin überzeugt ist, dass „die Medien“ manipulieren, wird in jeder neutralen Berichterstattung automatisch Falschnachrichten erkennen. Ein Bericht über Klimawandel: Panikmache! Ein Bericht über Migration: Vertuschung! Ein Bericht über Wirtschaft: Lobbyismus! Und wenn ausnahmsweise gar keine erkennbare Manipulation vorhanden ist, dann ist genau DAS erst recht verdächtig. So schließt sich ein verschwörungstheoretischer Kreis nach dem anderen zu einer nicht mehr durchschaubaren Lügenkette. Ein Beispiel, jene Szene im Film Das Leben des Brian, wo nervende Fans mit Stalking Gesinnung Jesus‘ Äußerung „Jesus, Maria und Josef: Ich bin NICHT der Messias!“ diese und diesen mit Geschrei niederjubeln: „Ja… ER ist der Messias! Allein der einzig wahre Messias würde abstreiten, dass er der Messias sei!“

Vielfalt. Früher oder später verliert sich dabei jeder „im Faltenwirrwarr eines Handfächers“. Alle Seiten werden sich gleichzeitig händeringend benachteiligt fühlen und nach Luft schnappen. Linke halten Medien für neoliberal. Konservative für linksgrün. Liberale halten sie für populistisch. Populisten für elitär. Die Folge: Zum ersten Mal in der Geschichte glauben wirklich alle, sie seien Opfer der Berichterstattung. Endlich hat die Medienlandschaft alle gleichermaßen enttäuscht. Eine neuartige Form von Ausgewogenheit 2.0.

Algorithmen auf sozialen Plattformen „lieben“ keine Wahrheit, sondern Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit entsteht selten durch differenzierte Einordnung. Niemand klickt mit Neugier auf Überschriften wie „Die Sachlage ist kompliziert und enthält mehrere legitime Perspektiven.“ Erfolgreicher sind Formulierungen wie „WAS SIE IHNEN VERSCHWEIGEN!!!“ – möglichst mit vielen Ausrufezeichen und einem Thumbnail, auf dem jemand schockiert in die Kamera schaut.

So entsteht eine digitale Parallelwelt, in der jede Gruppe ihre eigene Realität pflegt. Diskussionen finden kaum noch statt, weil Diskussion bedeuten würde, die Möglichkeit einzuräumen, vielleicht nicht in Gänze recht zu haben. Stattdessen sendet man Meinungen wie Nebelhörner in die Nacht des Internets. Stets laut, dauerhaft und ohne ernsthaftes Interesse an Antworten.

Die Ironie dabei ist, dass just die Medien, die am stärksten um Ausgewogenheit bemüht sind, auf radikalisierte Zuschauer oft am unglaubwürdigsten wirken. Denn Neutralität wird inzwischen selbst als politische Haltung interpretiert. Wer versucht, beide Seiten darzustellen, macht sich automatisch bei beiden unbeliebt. Objektivität erscheint verdächtig, weil sie keine totale moralische Bestätigung liefert, jede Erwartungshaltung enttäuscht.

Die Crux unserer Zeit ist, dass eine Gesellschaft, die ständig „Meinungsfreiheit“ fordert, gleichzeitig immer schlechter mit anderen Meinungen umgehen kann. Jede Information wird nur noch danach bewertet, ob sie die eigene Weltsicht bestätigt. Wahrheit ist keine gemeinsame Suche mehr, sondern Mannschaftssport ohne Regeln mit harten Wortbandagen. Und so bleibt den öffentlich-rechtlichen Medien am Ende nur die undankbare Rolle der Spaßbremse auf einer Party voller Verschwörungsvideos und Empörungskommentare.

Objektive Berichterstattung wird heute nicht mehr daran gemessen wird, ob sie korrekt ist, sondern daran, wie gut sie das bestätigt, was man ohnehin schon immer glauben wollte. Nämlich leere Lügen ohne Sinn und Verstand.

Der Rest ist Schweigen.