Beitragsbild: pixabay_©_lizenzfrei

Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Nein, es geht nicht um Bed & Breakfast, auch nicht um die vor 16 Wochen verstorbene Filmikone Brigit Bardot. Aber schon um Frankreich. Konkret, ich möchte im Kontext eines deutsch-französischen Ländervergleichs die Themen Benzin & Bücher verhandeln. Oder in abschließenden Begriffen der Variation dieser Einleitungssätze: Einerseits die deutsche Zapfsäule, andererseits den französischen Zitatenschatz.

Es gibt Ländervergleiche, die wirken deplatziert. Und es gibt solche, die sich aufdrängen. Etwa, wenn es gleichzeitig um Benzinpreise & Bücher geht. Also um das, was den Alltag bewegt, & das, was ihn erträglich macht. Beginnen möchte ich demnach mit der Tankstelle. Während man in Deutschland reflexhaft zu staatlich verordnetem Beruhigungsmittel greift, Steuern runter, Preise per Eingriff vom Beifahrersitz aus lenkradzusteuern – bitte schnell und möglichst ohne Zumutungen – hat man sich in Frankreich für einen anderen Weg entschieden. Einen, der erwachsen klingt: erklären statt beschwichtigen.

Die Regierung in Paris verzichtet bewusst auf kurzfristige Entlastungsillusionen. Stattdessen verweist sie auf die schlichte Wahrheit, dass man sich pauschale Subventionen nicht mehr leisten könne, mitnichten auch noch zielgenau. Das klingt zunächst ratlos, fast wie ein Arzt, der nicht nur das Rezept verweigert, sondern auch noch eine ausweichscheinende Lebensstiländerung empfiehlt.

Aber hier beginnt der Unterschied. Statt den Status quo zu konservieren, wird in Frankreich der Übergang organisiert: Milliarden für Wärmepumpen, gezielte Unterstützung für Geringverdiener, die auf Mobilität angewiesen sind, und ein politischer Realismus, der das Ende des Verbrennungsmotors nicht als Debattenangebot, sondern als Tatsache behandelt. Man könnte sagen: Die Zukunft wird nicht an Gießkannen orientiert diskutiert, sondern sinnvoll vorbereitet.

In Deutschland wird sie, die Zukunft gern noch einmal vertagt. Mit jener Mischung aus technischer Versiertheit und mentaler Vorsicht, die das Land groß gemacht hat, aber inzwischen auch lähmt. Hier glaubt man noch, mit dem richtigen Instrumentenkasten ließe sich jedes Problem in ein Förderprogramm übersetzen. Das Ergebnis ist auf dem Papier oft in bürokratischer Handhabe festgestellt, allerdings ohne élégance in der praktischen Ausführung und selten nachhaltig – Stückwerk.

Zudem, bedeutsam sind dabei weniger die Maßnahmen selbst als ihre kommunikative Verpackung. Die französische Regierung scheint – man reibt sich verwundert die Augen – davon auszugehen, dass Bürger komplexe Zusammenhänge verstehen können, wenn man sie ihnen erklärt. Und siehe da: Die Barrikaden bleiben aus. In einem Land, das sonst schon bei der kleinsten Rentenreform zur choreografierten Empörung neigt, ist das durchaus bemerkenswert.

Hier liegt bereits die Brücke zum zweiten Thema, der Kultur. Genauer gesagt, zum Umgang mit ihr. Denn während man sich in Frankreich offenbar darauf verlässt, dass Bürger ökonomische Transformationen nachvollziehen können, traut man ihnen auch kulturell einiges zu. Das beginnt in der Schule, wo Philosophie kein Orchideenfach ist, sondern Pflichtprogramm. Namen wie Aristoteles, Baruch Spinoza oder Simone de Beauvoir sind dort keine dekorativen Fußnoten, sondern Teil der geistigen Grundausstattung.

Das hat Folgen. Wer mit Begriffen wie Dialektik oder Phänomenologie aufgewachsen ist, erschrickt nicht, wenn sie im Fernsehen plötzlich wieder auftauchen. Da betritt eine Institution die Bühne, die in ihrer Selbstverständlichkeit als kulturpolitisches Statement gelesen werden muss: die Sendung La Grande Librairie.

Diese wöchentliche Literatursendung läuft zur besten Sendezeit, nicht versteckt im Spartenprogramm, sondern dort, wo üblicherweise Krimis und Unterhaltungsshows dominieren. Neunzig Minuten lang. Ohne Hast, ohne ironische Distanzierung, ohne das Bedürfnis, sich für ihren Gegenstand zu rechtfertigen. Allein diese Platzierung ist eine stille Provokation: Literatur ist hier kein Nischeninteresse, sondern Teil der öffentlichen Selbstverständigung.

Doch es ist nicht nur die Sendezeit. Es ist die Art, wie gesprochen wird. Wenn dort Autoren wie Michel Houellebecq oder Annie Ernaux aufeinandertreffen, entsteht kein gefälliges Gespräch, sondern nicht selten ein intellektueller Schlagabtausch, der den Anspruch erhebt, mehr zu sein als bloße Unterhaltung. Man diskutiert, als hinge etwas davon ab. Und sei es nur die Würde des Arguments.

Gerade Michel Houellebecq verkörpert dabei eine Haltung, die in ihrer Widersprüchlichkeit aufschlussreich ist. Er ist kein Hoffnungsträger im klassischen Sinne, kein Lieferant politischer Lösungen. Im Gegenteil: Seine Diagnose der Gegenwart ist oft düster, seine Prognosen selten tröstlich. Und doch liegt in dieser schonungslosen Nüchternheit eine eigentümliche Form der Ermutigung.

Denn wenn die großen politischen und ökonomischen Erzählungen brüchig werden, verschiebt sich der Fokus. Nicht mehr das hektische Gegensteuern steht im Zentrum, sondern die Frage, wie man die verbleibende Zeit sinnvoll nutzt. Bei Houellebecq führt das nicht in Resignation, sondern in eine Art kulturellen Eigensinn: hin zur Literatur, zur Geschichte, zur Wissenschaft. Kurz, zu jenen Ressourcen, die nicht von der Tagespolitik abhängen.

Es ist kein Zufall, dass er sich dabei selbst neu erfindet, etwa in musikalischen Projekten, die er mit einer Mischung aus lakonischer Melancholie und leiser Ironie betreibt. Was früher noch als spielerisches Experiment erschien, wirkt heute wie ein ernst gemeinter Versuch, Ausdrucksformen zu erweitern. Eine kleine Geste vielleicht, aber eine mit Signalwirkung: Man kann auch im Spätwerk noch anfangen, etwas Neues zu lernen. („Nein, dieses Leben reicht nicht aus / Es kann nicht mal ein Tausendstel unserer Träume beinhalten.“, M.H.)

Und genau darin liegt eine Qualität, die über die Person hinausweist. In Zeiten, in denen Europa sich zwischen geopolitischen Spannungen und innerer Verunsicherung neu sortieren muss, erinnert diese Haltung daran, dass kulturelle Selbstvergewisserung kein Luxus ist, sondern Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit. Wer nur noch reagiert, verliert die Fähigkeit, sich selbst zu entwerfen.

Man stelle sich vor, ein solcher Tonfall würde in Deutschland stärker präsent sein: nicht als importierte Pose, sondern als eigenständige Stimme. Ein Autor, der die gesellschaftliche Müdigkeit nicht beschönigt, sondern präzise beschreibt und gerade dadurch eine neue Form von Aufmerksamkeit erzeugt. Einer, der nicht beruhigt, sondern herausfordert, und der das Publikum nicht schont, sondern ernst nimmt. Man ahnt: Ein wenig mehr „Houellebecq“ täte der deutschen Debatte durchaus gut.

Stattdessen hat sich das Kulturfernsehen hierzulande in eine merkwürdige Defensive manövriert. Zwischen Quotendruck und Angst vor Bedeutungsverlust entsteht ein Format, das oft so wirkt, als wolle es sich vorsorglich dafür entschuldigen, dass es überhaupt existiert. Bücher werden, ja, bewertet, bisweilen per großer Geste und billiger Unverschämtheit entsorgt (siehe die TV Sendung Druckfrisch mit Denis Schecks Wegwerframpe), aber selten ernsthaft durchdrungen.

Das ist umso erstaunlicher, als es an literarischem Personal keineswegs mangelt. Autoren wie Juli Zeh oder Daniel Kehlmann, um per Zufallswahl zwei zu nennen, stehen für eine lebendige Gegenwartsliteratur, die international Beachtung findet. Und doch scheint zwischen dieser Produktion und ihrer medialen Vermittlung eine eigentümliche Entfremdung zu bestehen.

Man könnte zugespitzt sagen: Während Frankreich seine Literatur ins Schaufenster stellt, gut ausgeleuchtet, mit stolzem Preisschild und kundigem Personal, räumt Deutschland sie vorsichtshalber verschämt in die Requisitenkammer. Nicht aus Geringschätzung, sondern aus Unsicherheit. Man fürchtet offenbar, das Publikum zu überfordern und unterschätzt es damit systematisch.

So schließt sich der Kreis zur Energiepolitik. In beiden Fällen geht es um Vertrauen: in die Fähigkeit der Bürger, Komplexität auszuhalten. Frankreich setzt auf Zumutung mit Begründung, sei es bei der Mobilitätswende oder im literarischen Diskurs zur besten Sendezeit. Deutschland neigt zum Infantilismus, Stichwort „Papa Staat wird’s schon richten“. Ohne Ironie: Es gibt den leisen, aber spürbarer Unterschied im Ton der öffentlichen Debatte. Dort ein gewisser Ernst, der nicht ausschließt, leidenschaftlich zu streiten. Hier eine Vorsicht, die gelegentlich ins Beliebige kippt.

Natürlich wäre es zu einfach, daraus eine moralische Überlegenheit abzuleiten. Auch in Frankreich gibt es politische Kurzsichtigkeit und kulturelle Eitelkeit. Und auch Deutschland kennt große Momente des intellektuellen Muts. Sie sind nur seltener geworden. Vielleicht liegt die eigentliche Pointe dieses Vergleichs ohnehin woanders. Nicht in der Frage, wer es „besser“ macht, sondern wie unterschiedlich man mit derselben Herausforderung umgeht, in einer Welt, die komplexer, schneller und widersprüchlicher geworden ist. Die einen reagieren mit Strukturreformen und philosophischer Grundierung, leisten sich eine Sendung wie La Grande Librairie als kulturelles Herzstück. Die anderen setzen auf Kultursubventionen im größeren Stil und ewig ausdiskutierten Formatanpassungen. Aber nur eins wirkt derzeit. Das Zutrauen den eigenen Bürgern nicht nur den Tank zu füllen, sondern auch den Kopf.

Der Rest ist Schweigen.