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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Als ich vor einigen Wochen noch im Dunkeln der frühen Abendstunden in den gutbürgerlichen Vierteln meiner Stadt mit dem Rad unterwegs war, war mein Augenpaar vermehrt auf von Gardinen befreiten Fenster gerichtet, direkt auf die beleuchteten Wohn- und Arbeitsräume. Mir fielen mit positiver Genugtuung die vielen Bücherregale auf. Da lebt das gute alte Bildungsbürgertum noch! Für mich kein in Ungnade gefallenes Wort, ein mitunter vielfach als elitär verpönter und verunglimpfter Begriff.

Ein Wunder, da selbst von Menschen mit frisch erworbenen Hochschulzertifikat in den von ihnen neu bezogenen Wohnungen weder ein einziges Buch, geschweige ein halbwegs gefülltes Buchregal aufzufinden ist. (Cicero: Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele.)

Weltweit sinkt insbesondere die Zahl der Menschen, die Romane lesen. Und die Zahl der Männer, die Romane lesen, bricht regelrecht ein. Statistiken zeigen immer wieder: Frauen greifen, notabene in Relation, deutlich häufiger zu erzählender Literatur, während Männer eher zu Sachbüchern, Geschichte oder Politik tendieren. Das allein wäre vielleicht noch kein Grund zur Beunruhigung. Menschen lesen schließlich unterschiedliche Dinge aus unterschiedlichen Gründen. Doch im Rückgang der fiktionalen Literatur steckt womöglich mehr als nur eine Verschiebung von Interessen.

Vor erst wenigen Jahren las ich ein Interview mit einer Musikikone, die verlautbarte: Sobald er wisse, dass jemand ein Buch „einfach erfunden“ habe, verliere er jedes Interesse daran. „Aber Sie schauen doch gerne Filme. Die werden auch von jemandem erfunden.“ „Das ist etwas anderes“, lautete die schulterzuckende Antwort. Diese kleine Szene ist vielleicht bezeichnend für ein Missverständnis über die Rolle der Fiktion. Wenn wir fiktionale Bücher lesen, konsumieren wir nicht bloß eine Geschichte. Wir schlüpfen in die Haut eines anderen Menschen.

Das ist die eigenartige und erstaunliche Fähigkeit des Romans. Über hunderte Seiten hinweg teilen wir die Gedanken, Ängste, Hoffnungen und Widersprüche einer Figur. Wir atmen gleichsam durch sie. Wir gehen, um eine alte Redewendung zu bemühen, einige Kilometer in ihren Schuhen. Gerade deshalb gilt der Roman vielen als Lehranstalt der Empathie. Studien und Umfragen zeigen, dass viele Leser genau das an fiktionaler Literatur schätzen: die Möglichkeit, andere Perspektiven zu erleben. (Arthur Schopenhauer: Lesen heißt, mit einem fremden Kopf statt dem eigenen zu denken.) Doch diese Fähigkeit verlangt etwas, das in unserer Gegenwart neben Empathie, der Fähigkeit im Gegenüber einen gleichwertigen Anderen (mit anderen Meinungen, mit anderen Ansichten) wahrzunehmen und (vielleicht gerade deshalb) wertzuschätzen (weil der andere meinen eigenen Horizont erweitern kann); wie gesagt neben Empathie zugleich immer knapper wird: die punktuelle Konzentration auf eine Sache.

Um einen Roman richtig zu lesen, müssen wir in unser eigenes Ich tief eintauchen. Wir müssen in die Welt des Romans hinabsteigen und so lange wie möglich dortbleiben, um seine Abgründe und seine plötzlich aufscheinenden Sonnenstrahlen zu erleben. Für die meisten von uns wird das immer schwieriger.

Ablenkung ist überall. Sollte ich diese E-Mail checken? Was passiert gerade auf TikTok oder Instagram? Hat jemand auf meine Nachricht geantwortet? Der Lärm der Gegenwart begleitet uns überall hin. Selbst in die stillen Räume, in denen früher Bücher gelesen wurden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit fünfzehn meinen ersten größeren Roman las: Victor Hugos „Die Elenden“. Stundenlang konnte ich darin verschwinden.

Ich stelle mir nun einen fünfzehnjährigen Jungen heute vor. Und füge zu der Liste der Ablenkungen Snapchat, Facebook und fünfzehn verschiedene WhatsApp-Gruppen hinzu. Welche Chance hat da ein „homme de lettre comme Monsieur Hugo“ überhaupt wahrgenommen zu werden? Vielleicht liegt genau hier der Kern des Problems. Fiktion verlangt Geduld, Vorstellungskraft und eine gewisse Hingabe. Sie verlangt die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht „nützlich“ sein muss, nicht sofort Wissen vermittelt und nicht in drei Minuten konsumierbar ist. Aber was passiert mit einer Kultur, in der Menschen sich immer weniger für Dinge interessieren, die sich jemand anderes ausgedacht hat, weil die Empathie abhandengekommen ist?

Die eigentliche Sorge liegt nicht nur darin, dass weniger Romane gelesen werden. Sondern darin, dass irgendwann auch weniger Menschen Lust haben könnten, sich überhaupt noch etwas auszudenken. Denn Geschichten entstehen aus derselben Fähigkeit, die wir beim Lesen trainieren: aus Vorstellungskraft. Aus dem Versuch, sich in eine andere Perspektive, andere Personen hineinzuversetzen. Aus dem Mut, eine Welt zu erfinden, die vorher für mich nicht existierte.

Wenn es eine Kunstart gibt, die uns Empathie lehrt, vielleicht mehr als jede andere, dann ist es der Roman. Auf drei- oder vierhundert Seiten begleiten wir einen fremden Menschen durch sein Leben. Wir erleben seine Fehler, seine Hoffnungen, seine Liebe und seine Einsamkeit.

Und wenn es eine Fähigkeit gibt, die junge Leute heute besonders brauchen, dann ist es genau diese Empathie. Ohne sie entstehen schnell emotionale Leerstellen, die dann von den lautesten und aggressivsten Stimmen im Internet gefüllt werden. Vielleicht ist deshalb das größte Kompliment, das ein Schriftsteller heute bekommen kann, folgender Begegnung entnommen: Es geschieht manchmal bei Lesungen oder Signierstunden in Städten wie Dresden, Flensburg oder Bruchsal. Jemand, eine Mutter oder ein Vater mittleren Alters, schüttelt dem Autor die Hand und sagt einen Satz wie diesen: „Ihr Buch war der erste Roman, den wir unseren Sohn jemals lesen sahen.“

Vielleicht werden einige dieser Kinder dabei dasselbe empfinden wie ich damals mit fünfzehn, als ich „Victor Hugo“ aufschlug. Vielleicht entdecken sie plötzlich etwas Überraschendes: Dass man sehr viel Zeit mit Lesen verbringen kann. Und dass diese Zeit alles andere als verloren ist. Paradoxer Weise ermöglicht es diese spezielle Freizeitgestaltung der Innenschau, den realen Mitmenschen da draußen sehr nahe zu kommen. Erst recht in Zeiten von Krisen.

Der Rest ist Schweigen.