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Æ. Ø. Å. Y.

Heute will ich meine in den beiden letzten Botenmeister Ausgaben vorgestellten Medienvorlieben vervollständigen. Vorfreude und Vorlieben der kurzweiligen und kurzzeitigen Art: täglich das Zeitzeichen des WDR (Radio), wöchentlich die gute Frage der SZ (Zeitung). Sowie ebenfalls jeden Tag das Kalenderblatt des DLF (Radio) – hier das Thema vom 23. Oktober 2016:

Vor 110 Jahren (+ sechs Tagen) wurde Philipp Rosenthal geboren. Ein Mann, der wusste, dass man das Leben von zwei Seiten betrachten sollte: von oben und von unten. Wer Letzteres kennengelernt hat, entwickelt nämlich einen differenzierten Blick auf die Welt. „Jemand wie mich, der die Welt auch von unten kennengelernt hat, weiß wie Leute sind. Zu den Armen und zu den Verfolgten – der hat ein nüchternes Bild. Und zweitens, kann er das Gute im Leben mehr genießen.“

Philipp Rosenthal konnte das Gute im Leben genießen. Er hatte schließlich früh gelernt, dass Wohlstand nicht allein eine Frage des Geldbeutels ist, sondern auch der Perspektive. Sein Credo lautete: „Wer nie arm war, ist nicht reich!“

Rosenthal, geboren am 23. Oktober 1916 in Berlin, war der Sohn eines erfolgreichen Porzellanfabrikanten. Armut kannte er also eher aus der Anschauung als aus dem eigenen Haushalt. 1934 wanderte die Familie nach England aus, weil sein Großvater Jude war und Deutschland gerade dabei war, sich politisch in eine Richtung zu entwickeln, die für Juden wenig Zukunft versprach.

Für den jungen Philipp Rosenthal kam die Flucht überraschend. Ein Jahr zuvor war er noch begeistert in die Jugendorganisation der Nazis eingetreten. Die politischen Irrwege seiner Jugend erklärte er später mit bemerkenswerter Offenheit: „Ich hatte keinen Dunst, dass einer meiner Großväter Jude war und bin in die Hitlerjugend gegangen. Und warum? Weil es damals bei den normalen politischen Parteien keine Ideale gab und wenn junge Leute keine richtigen Ideale haben, dann gehen sie auf die falschen Ideale.“

Die Nationalsozialisten verstanden es, Ideale anzubieten, die sich jedoch alsbald als moralische Bankrotterklärung entpuppten. Rosenthal bekam die Folgen dieser Verirrung durch die Flucht seiner Familie unmittelbar zu spüren. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, meldete er sich bei der französischen Fremdenlegion. Nun wollte er gegen jene kämpfen, deren Organisation ihn kurz zuvor noch begeistert hatte. Eine Kehrtwende, welche die wenigsten Menschen hinbekommen.

Die Jahre in der Fremdenlegion prägten ihn. Er erlebte die Härte des Dienstes und lernte Menschen kennen, die aus armen Verhältnissen stammten und für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten mussten. Dabei stellte er fest, dass gesellschaftlicher Rang und menschlicher Wert nur bedingt miteinander zu tun haben. „Dass der Prozentsatz von anständigen Leuten und Armleuchtern wie von intelligenten Leuten und Deppen unter Millionären und Arbeitnehmern gleich ist. Nur die Chancen sind verschieden! Und das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich Parteimitglied, Sozialdemokrat geworden bin. Um die Chancen ein bisschen auszugleichen.“

Eine Einsicht, die im Übrigen keiner Parteizugehörigkeit bedarf. Parteipolitik ist bekanntlich ein Gewerbe, in dem selbst einfache Wahrheiten erst dann ernst genommen werden, wenn sie sich auf einem Parteitag in drei Arbeitskreisen bewährt haben.

Rosenthal wagte also den Sprung in die Politik, im Jahr 1969. Als Novize in der SPD gewann er auf Anhieb ein Direktmandat. Ein beachtlicher Erfolg für einen Mann, der weder aus dem politischen Funktionärswesen stammte noch seine berufliche Existenz damit verbracht hatte, in Gremiensitzungen ganze Stuhlreihen zu temperieren. Er verstand die Sorgen der Wähler und wusste, dass eine Botschaft umso besser hängen bleibt, wenn sie sich zum Beispiel reimt. Seine Lebensweisheit lautete: „Erfolg im Leben ist etwas sein, etwas Schein, und sehr viel Schwein.“

1970 wurde Rosenthal Staatssekretär im Wirtschaftsministerium unter Karl Schiller. Der Wechsel vom Porzellanunternehmen in die Politik erwies sich allerdings als weniger glanzvoll als erhofft. Rosenthal musste feststellen, dass die SPD andere Prioritäten setzte, als sich mit seinen Botschaften zu beschäftigen. Seine Erfahrungen fasste er später so zusammen: „Es war einmal ein Staatssekretär, der merkte auch erst hinterher, dass Schiller nachzulaufen, dann doch nicht gar so einfach ist, wie Tellergeschirr zu verkaufen.“

Eine Erfahrung, die manchem Politikeinsteiger erspart geblieben wäre, hätte er sich vorher mit dem Unterschied zwischen politischer Loyalität und politischer Laufbahn beschäftigt. Rosenthal jedenfalls zog folgerichtig seine Konsequenzen und verabschiedete sich aus dem Staatssekretärsamt. Die passende Bilanz lieferte er gleich mit: „Misserfolg im Leben ist etwas Blech, etwas zu frech und sehr viel Pech.“

Er blieb jedoch Bundestagsabgeordneter. Schließlich war er überzeugt, dass ein Parlament nicht ausschließlich aus Menschen bestehen sollte, die Politik schon von Berufs wegen für den Mittelpunkt der Welt halten. Ein vernünftiger Gedanke, der in Zeiten zunehmender politischer Selbstbeschäftigung zunehmende Geltung erfährt.

Neben der Politik blieb Rosenthal seinem ursprünglichen Milieu verbunden. Er stieg in das Familienunternehmen ein und sorgte dafür, dass die Beschäftigten am Gewinn beteiligt wurden. Ausgerechnet in einer Branche, in der die Ware zerbrechlich ist, entwickelte er eine bemerkenswert robuste Vorstellung von sozialer Verantwortung. „Die Form der Mitbestimmung des Mitbesitzers ist mein politisches Hauptthema.“

Damit war er seiner Zeit voraus. Während andere Unternehmer noch darüber nachdachten, wie sich die Belegschaft möglichst reibungslos in die betrieblichen Abläufe einfügen ließe, wollte Rosenthal sie am Erfolg beteiligen. Mitbestimmung bedeutete für ihn nicht bloß, dass die Beschäftigten gelegentlich angehört werden durften, bevor die Geschäftsleitung ohnehin tat, was sie für richtig hielt.

Im Bundestag setzte er sich auch für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Seine Argumentation war von einer Klarheit, die man in politischen Debatten nicht allzu häufig antrifft: „Ich habe gesagt, die Frauenquote, die hat zwar ein paar Nachteile, aber hat auch Vorteile: Wir kriegen zwar etwas mehr herrische Damen, aber dafür weniger dämliche Herren.“

Eine recht präzise Beschreibung des (nur damaligen?) Problems. Die Frauenquote wurde von ihren Gegnern gern als Zumutung behandelt, als drohe mit ihr der Untergang der politischen Zivilisation. Rosenthal hielt dagegen und erinnerte daran, dass die bisherige Männerherrschaft keineswegs ausschließlich von Genies getragen wurde. Eine Erkenntnis, die sich auch ohne Quote regelmäßig bestätigt.

In den 1970er Jahren bewies Rosenthal, dass er nicht nur politisch, sondern auch gestalterisch ein Gespür für seine Zeit besaß. Er brachte das Familienunternehmen an die Spitze des Designs und ließ Künstler wie Salvador Dalí mit Porzellan experimentieren. Das Ergebnis war kunstvoll, ungewöhnlich, doch für den gewöhnlichen Esstisch ungefähr so erschwinglich wie ein Originalgemälde im Museumsshop.

Der künstlerische Erfolg ließ sich nicht ohne Weiteres in wirtschaftlichen verwandeln. Das Unternehmen Rosenthal geriet in die Insolvenz und befindet sich inzwischen in „fremder“ Hand. Auch das gehört zur Ironie des Unternehmertums: Man kann seiner Zeit voraus sein und trotzdem an den Kosten der Gegenwart scheitern. Schönheit allein bezahlt bekanntlich keine Rechnungen, selbst wenn sie auf feinstem Porzellan serviert wird.

Philipp Rosenthal verbrachte seine späteren Jahre mit dem, was ihm immer Freude gemacht hatte: Rudern, Schwimmen und Bergsteigen. Während andere Ruheständler ihre Erinnerungen pflegen, hielt er sich lieber körperlich in Bewegung. Auch in Talksendungen blieb er ein streitbarer Mahner. In den 1980er Jahren, als der Rechtsextremismus erneut Wahlerfolge feierte, erinnerte er an die Versäumnisse der etablierten Parteien: „Ich glaube, der Hauptgrund warum wir heute diesen Rechtsextremismus bei jungen Leuten haben, ist, dass es den normalen Parteien an genügend Idealen fehlt. Dass sie nur die Augenblicksprobleme behandeln.“

Eine Diagnose, die auch in der Gegenwart nichts von ihrer Schärfe verloren hat. Parteien, die nur noch auf Umfragen reagieren, verlieren irgendwann den Blick für das, wofür sie eigentlich stehen. Wer keine überzeugenden Ziele mehr formuliert, überlässt das Feld jenen, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen versprechen. Die Geschichte hat hinreichend bewiesen, dass solche Angebote selten im Interesse der Demokratie enden.

Philipp Rosenthal starb 2001 im Alter von 84 Jahren. Auf seinem Grabstein steht ein letzter, eigenwilliger Gruß, der noch einmal zeigt, dass er sich selbst nicht allzu ernst nahm: „Vom Porzellan verstand der sogenannte König eigentlich sehr wenig. Schon mehr verstand der Bruder Roth vom Menschen und vom Ruderboot.“

Der letzte Satz vom Mann, der Porzellan produzierte, Politik betrieb und sich sein Leben lang mit den Menschen beschäftigte. Seine Stärke lag darin, dass er wusste, wie zerbrechlich sowohl Geschirr als auch gesellschaftliche Verhältnisse sein können. Der Unterschied besteht darin, dass man zerbrochenes Porzellan ersetzen kann. Bei einer zerbrochenen Demokratie wird es erheblich schwieriger.

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