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Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger bringt auf der Bühne und vor der Kamera jedes menschliche Gefühl spielerisch zum Ausdruck. Nur bei einer Emotion stünde sein Schauspiel vor einer großen Herausforderung: „Die verschämte Darstellung. Zu zeigen, dass man sich schämt.“
Meine ganze Kindheit, auch noch die Zeit über das Erwachsenwerden hinaus, war zutiefst schambesetzt. Das war keine Schauspielerei!
Ein „übelriechender“ Witz geht so: Zwei Männer im Aufzug. Sagt der einer: „Mensch, hast du gerade einen fahren lassen? Erwidert der andere: Aber ja sicher!! Denkst du etwa, ich rieche immer so?“
Auch als Unbeteiligter bekomme ich einen „roter Kopf“ in diesem neuen, gänzlich „schmerzfreien“ Fahrstuhl-Biotop der neuen Zeitenwenden-Zeit. Mit Donald Trump hat jetzt die personifizierte „Anti-Scham“ Figur das mächtigste Amt der Welt besetzt. Wenn auch ohne Würde. Was die Peinlichkeit betrifft, ist viel Undenkbares Realität geworden. Gibt es eine halbwegs nachvollziehbare Erklärung dafür?
„Wir sind Fußballweltmeister!“, „Wir sind Papst!“ sind vor langer Zeit Headlines gewesen, die eine Massenidentifikation ausdrückten. Beim amtierenden USA Präsidenten gibt es einen ähnlichen Identifikationsmechanismus.
Ein Fortschrittsglaube ist der breiten Masse abhandengekommen. Neid und Wut ist auf echte und vermeidliche Eliten gelenkt. Es gibt dieses weitverbreitete Gefühl, im Leben nur noch „Schlange (oder im Stau) zu stehen“ – nichts scheint mehr vorwärtszugehen. Schlimmer, unkonventionelle Mitbürger, vielfach wahrgenommen als leistungsverweigernde Neubürger drängeln sich rüpelhaft, auf Regeln pfeifend, in der Schlange vor. Nichts geht für die angeblich Altforderen vorwärts, vieles sogar zurück. Zwar oft nur in der Selbstwahrnehmung, weniger in der Wirklichkeit. Doch darauf kommt es nicht an. Gefühl schlägt Vernunft!
In diesem Gefühlsnarrativ ist D.T. der Hauptakteur. Und zwar in der Rolle als „Vandale deluxe“. Der grundlegende Vandalismus wird von ihm in die Schranken verwiesen, diesem mit Siegerkränzen aus Gold sich schmückenden „Vandalen deluxe“. Und das nach Regeln geordnete – wer will das alles immer und immer wieder hören – „Imperium (Ohro)Pax Romana“ wankt. Vandale D. ist zwar narzisstisch von sich eingenommen und hundsgemein, aber er ist der emotionale „Anwalt & Fürsprecher“ der ehrlich Wartenden in der Schlange. In dieser Rolle ist er unbestritten trotz seiner offensichtlichen Defizite der zu jeder Manipulation geeignete Populist.
Zweitens ist Trump ein ausgewiesener – nach überstandenem Attentat sogar schlitzohrartiger – Anti-Scham-Kämpfer, der eine meisterhafte Methode anwendet: Zunächst macht er provozierende öffentliche Äußerungen. Die unveroht verbliebenen Anstandsbürger beschämen Trump in einem zweiten Schritt und halten ihm vor, dass man diese verbalen Auswürfe nicht sagen dürfe. In der folgenden Phase inszeniert sich Trump als Opfer dieser Schamkampagnen: „Schaut, was sie mit mir machen. Genau das passiert euch doch auch – vor mir, mit mir, nach mir. Also steht gefälligst hinter mir.“
Schlussendlich geht Trump mit Beschimpfungen und Klagen zum Angriff über. Dies empfinden seine schon längst an Scham gewöhnten und gewöhnlichen Anhänger als eine authentisch identitätsstiftende Befreiung: „Das ist unser Vandale, der Vandale, der was tut – etwas tut für uns!“ Trump in der Erfolgspur, die er bisher nicht verlassen hat. Aktuell sogar im grönländischen Eiskanal. Gefühl bringt jede Vernunft zum Auftauen.