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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.
„In seinem Garten singen keine Vögel.“: Gleich der Überschrift ist dies ein Zitat von Edmond und Jules, den Brüdern de Goncourt aus ihren Tagebüchern, die ich gerade wieder lese. Es ist einer dieser Sätze, die beiläufig wirken und doch ein ganzes Seelenpanorama öffnen. Ein Garten ohne Vogelstimmen. Das ist mehr als eine Naturbeobachtung. Es ist ein Befund.
Die Tagebücher der Brüder Goncourt sind, wie Elke Schmitter schrieb, „eine wahre Jauchegrube voller Goldstaub“. Genauso ist es treffend gesagt. Man watet durch Bosheiten, Eitelkeiten, Gehässigkeiten. Und findet plötzlich funkelnde Einsichten, kluge Miniaturen des Menschlichen. Das Hässliche und das Helle liegen dicht beieinander. Wie so oft im Leben.
Doch beginnen möchte ich mit einem Gedicht von Thomas Brasch: „Die Haltung der…“:
„Tief beugt sich der Rücken des Sklaven / unter der Hand seines Herrn / unterm Gewicht einer Last. / Sein Gesicht berührt fast / die Erde, aus der er nicht kam, / in der er nicht geht, die er / aufreißt und nicht versteht.
Hohl krümmt sich der Rücken des Herrn. / Steif ragt seine knöcherne Hand. / Den Blick zum Himmel gewandt, / aus dem er nicht kam, / in den er nicht geht, / den er anstarrt und / nicht versteht.
So sah sie die Rücken sich biegen. / Sah das Bücken, sah auf den Knien liegen / die einen, / die anderen die Hälse verdrehn zu den Wolken. / Und richtet sich auf und lehrt uns zu verstehn / den neuen Sinn dieses Wortes: / Aufrechtgehn.“
„Aufrecht“ – das meint mehr als eine Körperhaltung. Es meint Reife. Souveränität. Die Fähigkeit, gerade am Ende eines Lebens gerade zu stehen, im übertragenen Sinn: Zu leben! Nicht gebückt unter der Last alter Widrigkeiten, nicht verkrümmt vor Stolz oder Trotz. Wer aufrecht geht, hat sich nicht kleinmachen lassen. Aber er hat sich auch nicht überhöht.
Wenn ein Mensch ein vielleicht letztes Zusammenkommen feiert, sollte dort Versöhnung Platz halten, nicht Verbitterung. Wenn letzteres vorherrscht, sagt das viel über den inneren Gefühlshaushalt eines Menschen aus. Von negativen Gefühlen besessen: Neid, Angst, Nervosität, Ungeduld, Wut, Traurigkeit, Überforderung, auch Hilflosigkeit. Positive Regungen sind dann unauffindbar: Freude, Heiterkeit, Zufriedenheit, Hoffnung, Zuneigung, Gelassenheit, der innere Friede.
Es ist, als stünde man vor der ewigen Entscheidung: Ist das „Glas nun halb voll“ oder „ist das Glas halb leer“. Es geht dabei nicht nur um die optimistische vs. einer pessimistischen Haltung zu den Dingen und Gegebenheiten des Lebens. Vorrangig geht es um die Wahl der Perspektive: Verschaffe ich mir Zugang zur Sicht in Relation zu anderen Menschen, Ansichten und anderen Meinungen. Oder verbleibe ich in meiner absolut gesetzten Innenansicht, die nur vereinsamt, mich gefangen und blind für die Um(welt) macht.
Psychologen sprechen davon, dass ein älter werdender Mensch zwischen Weisheit und Verzweiflung die Wahlfreiheit hat. Gewiss mit Ausnahmen im Graubereich und aufgrund außergewöhnlicher Umstände. Im Kern bleibt es aber eine individuelle Willensentscheidung. Worauf also warten in einer nicht ewig, sondern weniger verbleibenden Zeit? Auf ein Eingreifen von außen? Oder doch auf die eigene Bereitschaft, sich aufzurichten? Aufrecht stehen!
Die Mimosenhaftigkeit bei jenen, die jedes Widerwort, selbst den gleichwertigen „Gegen – Satz“ als Kränkung empfinden, aber selbst mit scharfem Ton nicht sparen. „Die Unsensibelsten sind nun mal die empfindlichsten Menschen.“ Ein paradoxer Satz, der die Beobachtung doch so häufig bestätigt. Wer am lautesten austeilt, reagiert oft am dünnhäutigsten auf Widerspruch und Kritik. Auch das ist eine Form des gebückten Seins. Lediglich und liederlich die ständige Verteidigung eines fragilen Selbstbildes.
Eine Bemerkung zur „sittlichen Ästhetik“: Wo einem der Respekt vor anderen Menschen fehlt, dem geht der selbstbestimmte Anstand und die eigene Höflichkeit verloren. Bemerkenswert, dass von diesen Menschen bei der ersten Begegnung viel Sympathie ausgeht. Freundlichkeit, Charme, Gewandtheit. Vieles davon scheint vorhanden. Doch mit der Zeit löst sich dieser Eindruck auf. Das Verhalten verkehrt sich ins Gegenteil. Aversion: Die Vögel im Garten verstummen.
Dann darf eine Empfehlung – wieder von den Brüdern Goncourt – nicht fehlen: „Übles Reden über andere und besonders über die Freunde und die Verwandten ist noch immer die größte Erholung.“ Wie entlarvend. Wie erquicklich. Wie menschlich und allzu menschlich. Ein probates Gegengift. Heureka.
Vielleicht singen in jenem Garten deshalb keine Vögel: Weil die Luft von Missgunst und verletzter Eitelkeit zu schwer ist. Weil der Blick entweder auf den Boden bleibt oder starr zum Himmel gerichtet ist. Nur nicht auf Augenhöhe.
Aufrechtgehen heißt: Weder buckelig kriechen noch riechkolbennaseweisshoch das Rückgrat überdehnen. Es heißt, die eigene Endlichkeit annehmen, ohne bitter zu werden. Es heißt, sich zu versöhnen. Mit anderen und mit sich selbst. Erst dann, vielleicht, kehren die Singvögel zurück. Da diese einen am Ende doch emportragen sollen. Auf Flügeln.
Der Rest ist Schweigen.