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Æ. Ø. Å. Y.
Man sieht und begegnet ihn jedes Jahr regelmäßig beim Rudolstadt Festival – den Journalisten Christoph Dieckmann. Seine alljährlichen Reportagen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unmittelbar nach Festivalende sind für viele Besucher des Weltmusik- und Folkfestivals zur Pflichtlektüre geworden. Außerdem hat er im Laufe der Jahre viele Sachbücher geschrieben. Christoph Dieckmann ist an Menschen interessiert. Ich durfte das selbst erfahren, als ich vorletztes Jahr mit ihm auf einer der Zuschauerbänke im Vorfeld der vielen in Thüringens Residenzstadt stattfindenden Konzerte zusammensaß und mit ihm ins Gerede kam.
Doch zu seinen Büchern. Diese wollen Geschichte, vor allem deutsche Geschichte, verstehbar machen. Sie erzählen Geschichte so lange, bis man plötzlich merkt, dass man selbst ein Teil davon ist. Genau diesem Anspruch folgt Christoph Dieckmann in „Mein Abendland. Geschichten deutscher Herkunft“. Der 2017 im Ch. Links Verlag erschienene Band versammelt auf rund 272 Seiten Reportagen, Erinnerungen und historische Erkundungen. Dieckmann, wie bereits angedeutet, ein langjähriger Autor des renommierten Wochenjournals „Die Zeit“, verbindet darin persönliche Erfahrungen mit Fragen der deutschen und europäischen Geschichte.
Schon der Titel ist Programm und zugleich eine Provokation. Was bedeutet eigentlich „Abendland“? Für Dieckmann bezeichnet der Begriff kein klar umrissenes geografisches Gebiet und schon gar kein Schlagwort, mit dem sich eine Grenze zwischen „uns“ und „den anderen“ ziehen ließe. Sein Abendland ist widersprüchlich, geschichtsträchtig und offen. Es reicht von der DDR und der deutschen Teilung über die europäischen Kriegserfahrungen bis hinein in das sogenannte „Morgenland“. Gerade diese Offenheit gehört zu den besonderen Reizen des Buches.
Geschichte erscheint bei Dieckmann nicht in erster Linie aus der Perspektive von Staatsmännern, politischen Entscheidungen und Jahreszahlen. Ihn interessieren die Menschen, Orte und Erlebnisse, an denen sich Geschichte konkret zeigt und begreifen lässt. „Ein Kind verschwindet, dann ein Staat. Die DDR-Nationalmannschaft ersteht neu, in Dresden demonstriert das Volk – wie 1989?“ (Eigenwerbung des Ch. Links Verlags). Daneben begegnet man Persönlichkeiten wie Rosa Luxemburg, Willy Brandt oder Helmut Schmidt. Die Themen scheinen zunächst weit auseinanderzuliegen, fügen sich bei genauerer Betrachtung jedoch zu einem persönlichen und zugleich weitgespannten Geschichtsbild.
Gerade diese Mischung ist eine der großen Stärken des Buches. Dieckmann versteht es, Menschen mit wenigen Sätzen prägnant zu porträtieren und historische Zusammenhänge zugleich kenntnisreich und anschaulich nachzuerzählen. „Mein Abendland“ ist durchaus ein Deutsch geprägtes Heimatbuch, weist aber zugleich über geografische Grenzen und über jene Grenzen hinaus, die im Kopf entstehen. Dieckmann schreibt über Heimat aus dem Wissen um die Heimat anderer Menschen heraus.
Dabei ist Heimat für ihn keineswegs nur ein Ort behaglicher Erinnerungen. Sie besitzt immer auch ihre Schattenseiten. Zu seinem „Abendland“ gehören deshalb nicht allein Kultur, Christentum und europäische Geistesgeschichte, sondern ebenso Nationalismus, Krieg, Gewalt und politische Verwerfungen. Die Reisen führen nach Verdun, ins ehemalige Jugoslawien und zu den Gräbern der Roten Armee. Europa erscheint dadurch nicht als abgeschlossene Erfolgsgeschichte, sondern als Geschichte von Hoffnungen und Katastrophen, von Aufbruch und Verlust.
Christoph Dieckmann kommt, wie er selbst sagt, aus den „Neufünfländern“. Er schreibt daher nicht von außen über die deutsche Teilung, sondern aus der eigenen Biografie heraus. Seine Erfahrungen in der DDR bilden einen wichtigen Hintergrund seiner Texte. Zugleich macht Dieckmann immer wieder deutlich, aus welcher persönlichen Position heraus er andere Menschen und deren Lebensgeschichten betrachtet. Seine Reportagen werden dadurch persönlich, ohne sich in bloßer Selbstbespiegelung zu verlieren, und gewinnen so eine sympathisch selbstkritische Dimension.
Das macht „Mein Abendland“ besonders interessant für Leserinnen und Leser, die sich mit der deutschen Einheit und ihren Folgen auseinandersetzen wollen. Dieckmann betrachtet Deutschland nicht lediglich als Geschichte, die von 1945 über 1989 bis in die Gegenwart führt. Er sucht nach tieferen Wurzeln und längeren Entwicklungslinien. Vergangenheit ist für ihn nichts Abgeschlossenes, das hinter uns liegt. Sie wirkt in Erinnerungen, politischen Debatten und den Selbstbildern der Gegenwart weiter.
Zugleich bleibt das Buch nicht in Deutschland und auch nicht in Europa stehen. Anschaulich nimmt Dieckmann seine Leser mit, beispielsweise auf die Eisenbahnstrecke von Istanbul nach Teheran. In solchen Reiseerfahrungen wird die vermeintlich eindeutige Trennung zwischen Europa und seinem „Außen“ durchlässig. Das Fremde erscheint nicht einfach als Gegenbild zum Eigenen. Wer sich mit der eigenen Herkunft beschäftigt, muss sich auch fragen, wie sehr diese Herkunft durch Begegnungen mit anderen Kulturen geprägt worden ist.
„Abendland“ ist bei Dieckmann deshalb kein Besitzstand, den es gegen andere zu verteidigen gilt. Es ist vielmehr eine sich ständig verändernde Geschichte, in der unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen und miteinander verbunden sind. Der Autor führt deutsche Erinnerung, europäische Geschichte und persönliche Biografie zusammen. Am Ende steht folgerichtig nicht die Abgrenzung, sondern die Begegnung mit dem Fremden. Die Frage nach dem Verhältnis von Eigenem und fremdem wird damit zu einem zentralen Thema des Buches.
Der Band ist kein streng aufgebautes Geschichtsbuch. Seine Reportagen erlauben Sprünge, Abschweifungen und überraschende Verbindungen. Wer eine geradlinige historische Darstellung erwartet, muss sich auf diese Vielfalt einlassen. Gerade darin liegt jedoch die besondere Erzählweise Dieckmanns: Geschichte wird nicht als fertiges und geschlossenes System präsentiert, sondern als Geflecht aus Erinnerungen, Orten, Menschen und Zufällen, die sich gegenseitig erhellen.
Dabei ist Christoph Dieckmann kein distanzierter Chronist, der lediglich Fakten ordnet und Jahreszahlen sortiert. Er ist ein Erzähler, der seine Leser mitnimmt – manchmal nachdenklich, manchmal ironisch, manchmal sehr persönlich. Er ist jemand, der nicht bloß „menschelt“, sondern „mit Menschen kann“ und ihnen aufmerksam begegnet. Seine Nähe zu den beschriebenen Personen und Orten macht die Texte lebendig, ohne dass er dabei den historischen Zusammenhang aus dem Blick verliert.
So stellt Dieckmann immer wieder die grundlegende Frage, woher wir kommen, und versucht zugleich, darauf Antworten zu geben. Allerdings nicht im Sinne einer einfachen nationalen Herkunftserzählung, sondern als Einladung, die eigenen historischen Wurzeln genauer anzusehen. Heimat besteht für ihn aus Erinnerungen, aber ebenso aus Widersprüchen. Sie kann Geborgenheit bedeuten und gleichzeitig Schuld, Verlust und Fremdheit in sich tragen.
Gerade deshalb besitzt das bereits 2017 erschienene Buch eine bemerkenswerte Aktualität. In einer Zeit, in der der Begriff „Abendland“ immer wieder als politischer Kampfbegriff verwendet wird, erinnert Dieckmann daran, dass Deutschland und Europa wesentlich komplizierter sind, als es solche Schlagworte vermuten lassen. Sein Abendland ist kein abgeschlossener Raum und keine feststehende Identität. Es ist eine Geschichte, die sich fortwährend verändert, in der Herkunft und Fremdheit, Erinnerung und Gegenwart miteinander verbunden bleiben.
Ich habe „Abendland“ auch als ein Kompendium gelesen, als ein sogenanntes Handbuch, als ein Nachschlagewerk einzelner deutscher Geschichtsereignisse. Geschichte, die sich nicht wiederholt, aber reimt. Und für all die, welche auch den Gleichklang einzelner Abschnitte einer Buchbesprechung mit Toleranz begegnen.
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