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Æ. Ø. Å. Y.
Ich habe nichts gegen „Einfache Sprache“. Im Gegenteil. Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist Erich Kästner. Der schrieb so einfach, dass man manchmal erst beim zweiten Lesen bemerkt, wie klug seine Sätze geschrieben wurden. Einfach schreiben ist schwer. Schwer schreiben ist oft erstaunlich einfach.
Trotzdem habe ich den Verdacht, dass im Augenblick zwei Entwicklungen gleichzeitig stattfinden, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen müssten.
Die erste Entwicklung kennt jeder, der einmal einen Brief vom Amt bekommen hat. Man liest den ersten Satz, dann den zweiten und fragt sich irgendwann, ob man versehentlich den Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch bestellt hat. Behörden beherrschen eine Sprache, die sich offenbar im Laufe der Evolution von der deutschen Sprache abgespalten hat. Sie ähnelt ihr äußerlich, verfolgt aber andere Ziele.
Besonders liebe ich Formulierungen wie: „Der Sachverhalt bedarf einer erneuten Würdigung unter Berücksichtigung der Gesamtumstände.“ Früher hätte man gesagt: „Wir schauen uns das noch einmal an.“
Noch schöner sind Grundschulzeugnisse. Früher stand dort: „Marvin stört den Unterricht.“ Heute heißt es: „Tariq beteiligt sich häufig mit spontanen Beiträgen.“ Oder dieser erstaunliche Satz: „Die Schülerin gewann aus Messhandlungen exakte Ergebnisse.“ Ich musste ihn mehrmals lesen. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass das Mädchen wahrscheinlich ein Lineal besaß.
Ein anderer Klassiker lautet: „Der Schüler zeichnet vermehrt sorgfältig.“ Das ist großartig, denn das codierte Schlüsselwort heißt hier „vermehrt“. Niemand weiß, ob daraus ein „Gerhard Richter“ wird und ob die Farbe inzwischen häufiger auf dem Papier landet als auf dem T-Shirt. Die Zeit oder hoffentlich die Oberstufe wird es richten.
Zeugnisse sind literarische Kunstwerke geworden. Man könnte pädagogische „Bundes-Lehrer:Innen-Spiele“ damit veranstalten. Die Aufgabe würde dann lauten: Formulieren Sie möglichst kompliziert, um auszudrücken, dass Kevin seine Lernfähigkeit dem Smartphone geopfert hat.
Die Gruppe der Juristen, sie die nächsten Wortakrobaten: Wer von einem Gericht verurteilt wird, versteht oft nicht einmal den Satz, mit dem ihm erklärt wird, warum. Ein Rechtsstaat sollte seine Entscheidungen verständlich machen. Wer die Sprache des Rechts nicht versteht, kann schwer das Gefühl entwickeln, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt. Dies leuchtet unmittelbar ein. Einerseits.
Andererseits begegnet einem überall der Ruf nach „Einfacher Sprache“. Nachrichten sollen einfacher werden. Behörden sollen einfacher schreiben. Broschüren sollen einfacher formuliert werden. Bald wird vermutlich auch die Speisekarte im Restaurant in „Einfacher Sprache“ erscheinen: „Das Schnitzel ist das flache Fleisch. Es kommt vom Schwein. Das Schwein hat durch die flache Form sein Mitspracherecht verloren. Genießen sie ihre Überlegenheit mithilfe von Messer und Gabel.“ Der Gedanke dahinter ist sympathisch. Verständlichkeit ist ein hohes Gut.
Merkwürdig finde ich nur, dass niemand mehr fragt, warum immer mehr Menschen Texte nicht mehr verstehen, die früher als normal galten. Liegt es tatsächlich daran, dass unsere Gesellschaft verständlicher werden möchte, den Verstand vermehrt bemühen möchte? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie anstrengende Dinge zunehmend meidet. Schwierige Bücher? Gibt es als Zusammenfassung. Lange Artikel? Gibt es als Podcast. Podcasts? Gibt es in anderthalbfacher Geschwindigkeit. Und wenn selbst das zu mühsam wird, macht jemand ein Video daraus, in dem alle acht Sekunden das Bild wechselt.
Bildung hatte früher etwas mit Anstrengung zu tun. Man musste Wörter nachschlagen. Man musste unbekannte Begriffe lernen. Man musste gelegentlich einen Satz zweimal lesen. Heute entsteht manchmal der Eindruck, als gelte bereits der zweite Nebensatz als unzumutbare Belastung.
Gleichzeitig produzieren wir immer kompliziertere Sprache dort, wo sie niemand braucht. Das betrifft nicht nur das Behördendeutsch. Auch das Gendern hat erstaunliche sprachliche Blüten hervorgebracht. Manchmal scheint der Satz nur noch zu existieren, um zu demonstrieren, dass der Verfasser auf der richtig moralischen Seite seiner Sensorik steht. Ob ihn anschließend noch jemand versteht, wird zu einer eher nachgeordneten Fragestellung.
So erlebe ich gerade eine merkwürdige Arbeitsteilung. Die Institutionen schreiben immer komplizierter. Die Bürger sollen immer einfacher lesen. Irgendwo dazwischen verschwindet die Sprache. Dabei ist Sprache kein Hindernis, das man beseitigen muss. Sie ist ein Werkzeug. Wer nur noch Werkzeuge benutzt, die keinerlei Übung verlangen, wird irgendwann vergessen, wie man mit Anspruchsvolleren umgeht.
Natürlich sollte ein Gericht verständlich schreiben. Natürlich sollte eine Behörde auf Schachtelsätze verzichten. Aber ebenso selbstverständlich sollte eine Gesellschaft den Ehrgeiz haben, dass ihre Bürger auch einen etwas anspruchsvolleren Text verstehen können. Sonst endet alles in absurden Worthülsen, wahlweise einer ungenießbaren Buchstabensuppe.
Die Zeugnisse werden immer vorsichtiger formuliert. Die Bescheide immer unverständlicher. Die Nachrichten immer einfacher. Und die Menschen immer überzeugter, dass das Problem die Sprache sei. Das Problem ist aber gar nicht die Sprache. Es ist die wachsende Überzeugung, jede Schwierigkeit und Zumutung müsse verschwinden. Nebenbei: „Anspruch und Zumutung“ heißt meine nächste Promotionsarbeit an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der „Te Whare Wānanga o Waitaha“ (Christchurch / NZ). Ein Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit wäre die Erkenntnis, dass sich Einfache Sprache nur schwer übersetzen ließe.
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