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ÆØÅY.

„Du bist aber selbstbewusst!“ Diese Aussage ist selten ein Kompliment, eher ein Vorwurf. Dabei ist Selbstbewusstsein – zur eher sinnfreien Klarstellung spricht man auch von einem „gesunden Selbstbewusstsein“ – eben nicht gleichzusetzen mit Egoismus. Sich selber objektiv wahrnehmen zu können, ist eine Qualität. Psychotherapeuten stellen in aller Regel ihre Patienten im wahrsten Sinne des Wortes nehmen sich, um aus der subjektiven Innenansicht zur objektiven Aussenansicht der eigenen Person zu gelangen, da diese die Wirklichkeit immer besser erfasst. Sich seiner selbst bewußt zu werden, ist ein Reifeprozeß! Um so betrüblicher ist der Selbstbetrug.

Dem Verständnis kann es förderlich sein, nicht nur beiseite, sondern auch einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, wann eigentlich alles angefangen hat. Nicht die nächste Krise, nicht die nächste Preissteigerung, nicht der nächste politische Aufreger, sondern die lange Entwicklung seit anno dazumal. Die gegenwärtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Unzufriedenheit ist weniger ein plötzlicher Betriebsunfall als das Ergebnis einer Politik, die über Jahrzehnte ziemlich konsequent in eine bestimmte Richtung gelaufen ist.

Sie reicht zurück bis in die Zeit der rot-grünen Bundesregierung Ende der neunziger und Anfang der 2000er Jahre. Damals wurde Deutschland modernisiert, reformiert und fit für den globalisierten Wettbewerb gemacht. Das klang vernünftig, und manches davon war es zweifellos auch. Der Arbeitsmarkt wurde flexibilisiert, Sozialleistungen wurden zurückgefahren, die Besteuerung höherer Einkommen wurde verändert, und der Staat begann zunehmend, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit als oberstes Staatsziel zu behandeln. Dies war Ausdruck der zunehmenden Globalisierung.

Bemerkenswert ist, dass sie über Jahre hinweg von sehr unterschiedlichen politischen Lagern fortgesetzt wurde. Was unter Rot-Grün begann, wurde von späteren Regierungen übernommen. Aus einer politischen Ausnahme wurde eine politische Normalität.

Der große Gewinner dieser Entwicklung war dabei nicht zwangsläufig der Arbeitnehmer, der plötzlich flexibler sein musste, und auch nicht unbedingt die Familie, die ihre steigenden Lebenshaltungskosten irgendwie mit stagnierenden Reallöhnen zusammenbringen sollte. Es waren vor allem jene, die bereits über Kapital, Vermögen oder wirtschaftliche Macht verfügten. Während Arbeit weiterhin besteuert wird, kann Vermögen sich sehr viel eleganter vermehren. Geld hat auch die angenehme Eigenschaft, sich nicht krankzumelden und keinen Urlaubsantrag zu stellen.

Soweit die Entwicklung. Und trotzdem hält sich in Deutschland hartnäckig die Vorstellung, wir lebten im Wesentlichen in einer großen Mittelschichten Gesellschaft. Fast jeder sieht sich dort, irgendwo in der Mitte. Der eine, weil er ein Eigenheim besitzt. Die andere, weil sie studiert hat. Der nächste, weil er ein ordentliches Gehalt bekommt. Und selbst mancher Millionär betrachtet sich offenbar nicht als reich, sondern als jemanden, der eben „gut dasteht“.

Die Fransen an den Rändern des fehlenden Selbstbewusstseins. Hier beginnt der Selbstbetrug. Denn Reichtum ist für viele Menschen etwas, das immer ein Stück oberhalb der eigenen Lebenswirklichkeit beginnt. Reich ist der andere. Der mit dem größeren Haus, dem schöneren Auto, dem Ferienhaus in Italien. Der mit zehn Millionen auf dem Konto ist natürlich reich. Aber jemand mit zwei Millionen? Nun ja, der hat schließlich auch Verpflichtungen und vermißt das 101 % -Lebensglück. Und wer eine Million besitzt, fühlt sich womöglich noch immer eher als Angehöriger einer erfolgreichen Mittelschicht denn als Teil einer winzigen Vermögenselite.

Gleichzeitig wird Armut erstaunlich schnell sichtbar gemacht. Am liebsten mit dem Zeigefinger der anderen. Wer Bürgergeld bezieht, gilt rasch als jemand, der sich auf Kosten anderer eingerichtet hat. Wer wenig verdient, hat offenbar nicht genug geleistet. Wer arbeitslos ist, muss erklären, warum. Wer reich ist, muss sich hingegen erstaunlich selten erklären. Vermögen hat in Deutschland etwas Diskretes. Es trägt keine Warnweste und steht selten vor der Kamera. Die Verhinderung einer Reichensteuer hat hier ihren eigentlichen Grund: Individuell, nicht abstrakt bezifferter Reichtum, und damit transparent, würde plötzlich auf konkrete Personen aus Fleisch und Blut treffen. Das darf nicht geschehen.

So entsteht eine merkwürdige gesellschaftliche Schieflage: Menschen, die objektiv viel näher an der unteren als an der oberen Hälfte der Vermögensverteilung stehen, empfinden sich psychologisch als Teil der oberen Mitte. Und sie schauen nicht nach oben, sondern nach unten. Nicht auf diejenigen, die ein Vielfaches besitzen, sondern auf diejenigen, die noch weniger haben. Weil ich jenen „meine“ Überlegenheit spüren lassen kann.

Das ist politisch folgenreich. Denn wer Angst vor dem sozialen Abstieg hat, könnte eigentlich auf die Idee kommen, die Ursachen dieser Angst zu untersuchen. Stattdessen sucht er sich häufig einen Schuldigen. Die Arbeitslosen. Die angeblich zu großzügigen Sozialleistungen geraten ins Visier. Der „Sündenbock“ gewinnt Kontur. (Und Versöhnung auch heuer 60 Stunden später, Fehlanzeige.)

Populismus funktioniert deshalb besonders gut, wenn Menschen gleichzeitig unzufrieden und über ihre eigene gesellschaftliche Position im Unklaren sind. Er verspricht eine einfache Welt, in der es nur noch Opfer und Täter gibt. Vor allem aber erlaubt er einen angenehmen psychologischen Trick: Man muss die eigene Lage nicht mehr verstehen, wenn man jemanden gefunden hat, der angeblich dafür verantwortlich ist. Das macht den Populismus so verführerisch. Er verlangt keine komplizierte Analyse von Steuerquoten, Vermögensverteilung, Lohnentwicklung oder Eigentumsstrukturen. Er verlangt lediglich Empörung. Der „Sündenbock“ bekommt ein Gesicht.

Und Empörung ist billig. Sie kostet nichts. Der erstaunlichste Teil dieser Geschichte ist jedoch, dass auch die wirklich Armen und die wirklich Reichen einem jeweils eigenen Selbstbetrug unterliegen können. Die Armen glauben mitunter, sie seien selbst schuld an ihrer Lage. Man schämt sich. Die Mittelschicht glaubt, sie gehöre beinahe schon zur Oberschicht. Und die wirklich Reichen können sich einreden, ihr Vermögen sei ausschließlich das Ergebnis persönlicher Leistung, obwohl ein erheblicher Teil großer Vermögen über Generationen weitergegeben wird.

So sitzen am Ende alle in einem absurden Theaterstück, nur mit unterschiedlichen Plätzen. Die einen halten sich für zukünftige Gewinner. Die anderen für verhinderte Gewinner. Und die wirklich großen Gewinner müssen gar nicht mehr viel tun, außer darauf zu hoffen, dass niemand allzu genau auf die Plätze in den Logen schielt. Im Stadion funktioniert das prächtig: „Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.“ (Alfred „Adi“ Preißler). Auf dem Platz der Illusion und auf den Bühnenbrettern der Illusionen!

Eine der wichtigsten politischen Fragen unserer Zeit: Warum verteidigen Menschen so häufig eine Ordnung, von der sie selbst nur begrenzt profitieren? Die Antwort dürfte nicht allein in Unwissenheit liegen. Menschen wollen an Leistung glauben. Sie wollen glauben, dass sich Arbeit lohnt, dass ihre Kinder es einmal besser haben werden und dass Aufstieg möglich ist. Das sind keine schlechten Vorstellungen. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft braucht diese Hoffnung.

Problematisch wird es erst, wenn aus Hoffnung eine politische Illusion wird. Denn eine Gesellschaft kann nicht dauerhaft davon leben, dass jeder glaubt, er werde irgendwann reich sein. Irgendwann muss auch jemand fragen, wie viel Reichtum überhaupt vorhanden ist, wem er gehört und warum die einen von ihrem Vermögen leben können, während andere von ihrer Arbeit kaum noch leben können.

Ein wenig weniger Selbstbetrug wäre gar nicht schlecht. Nicht mehr Neid, sondern mehr Nüchternheit. Nicht die romantische Vorstellung vom Tellerwäscher, der selbstverständlich Millionär wird, sondern der nüchterne Blick darauf, wie eine Gesellschaft Einkommen, Vermögen, Chancen und Risiken tatsächlich verteilt. Denn wer die gesellschaftliche Wirklichkeit falsch vermisst, kann am Ende zwar sehr genau wissen, wen er wählen möchte. Gleichzeitig fehlt aber das Wissen und die Erkenntnis, warum er eigentlich so unzufrieden ist.

Der Trick der sogenannten Populisten: Man kann Menschen davon überzeugen, wider ihren eigenen Interessen zu handeln, wenn man ihnen nur lange genug erzählt, dass ihre „eigentlichen Interessen“ ganz woanders liegen. Zum Beispiel in der Vergewaltigung eines Sündenbocks. Gleich wie Göttervater Zeus rücklings die sterbliche Königstochter Europa im Beritt. Oder in vergleichbarer Gestalt eines mit reichlich Stiernacken ausgestatteten komplett funktionsfähigen und im amtlichen Verschiss des gesichert in der extremistischen Bestrebung befindlichen AFD-Funktionärs männlichen Geschlechts.

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