Beitragsbild: pixabay_©_lizenzfrei

Æ. Ø. Å. Y.

In gespannter Erwartungshaltung, was da diesmal kommt, ist die „Gute Frage“ im SZ Magazin, ein Teil meiner wöchentlichen Zeitungslektüre geworden. Kürzlich suchte ein Ulrich E. dort Rat. Seine Frau mache ihm Vorwürfe, er hätte sich vor einer Eisdiele rassistisch gegenüber einem anderen Kunden geäußert, so ihr Vorwurf an ihn; er sähe das aber anders, seine Wortwahl sei nur burschikos freundlich gewesen. Der genaue Wortlaut der Frage sowie die Antwort der Autorin und „SZ-Therapeutin“ Johanna Adorján ist nachzulesen in der Ausgabe Nummer 40 vom 1. Oktober. Für mich Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen.

Denn diese Geschichte hat mich an Sätze erinnert, die mich nachdenklich machen können. Einer davon lautet: Wer an der Spitze der Machtordnung, der Rangordnung steht, muss die Perspektive der anderen weniger antizipieren. Er muss sich nicht in die Untergeordneten hineinversetzen, weil diese sich ohnehin schon in ihn hineinversetzen müssen. Ein Ungleichgewicht, so wie der Wolf nicht wissen muss, wie das Schaf sich fühlt. Das Schaf sollte dagegen sehr genau wissen, wie der Wolf sich fühlt. Schon wegen des Speisekartengeschmacks des deutschen liebsten Raubtieres.

Konkretion zu der oben geschilderten Szene vor der Eisdiele, weil daraus eine kleine gesellschaftliche Versuchsanordnung wird, ein weißer Mann macht einem schwarzen Mann ein vermeintlich freundliches Kompliment über dessen Hautfarbe. Er meint es nett. Das ist der entscheidende Punkt. Die Absicht ist gut, die Bemerkung trotzdem daneben. Die Ehefrau erkennt es sofort. Der Betroffene lächelt. Was sollte er auch sonst tun? Sein Gegenüber anzuschreien wäre unhöflich, ihn zu belehren anstrengend und wegzugehen vielleicht, vielleicht die eleganteste Lösung.

Frau Adorjáns süffisante, ihre Emotionen zurückhaltende Antwort ist keine Belehrung einer Benimmregel, sondern eine Erklärung. Wer oben steht, muss die anderen nicht verstehen. Wer unten steht, muss die da oben verstehen. Empathie wäre demnach nicht nur eine menschliche Tugend, sondern auch eine Überlebensstrategie der Machtlosen.

Da wird es philosophisch interessant. Weil genau hier Friedrich Nietzsche aus der Eiswaffel schaut und fragt, ob wir diese besondere Empathiefähigkeit wirklich so vorbehaltlos feiern sollten. Nietzsche hätte vermutlich Freude an dem Gedanken, dass die Unterlegenen besonders gut darin sind, die Gefühle, Wünsche und Schwächen der Mächtigen zu lesen. Er hätte darin aber nicht automatisch moralische Größe erkannt. Er hat darin vor allem eine Begründung zur Genese einer so von ihm bezeichneten Sklavenmoral gesehen. Sein markantestes Beispiel sind die Anfänge und die Erfolgsgeschichte des Christentums. („Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“, Johannes 10,27)

Empathie, so der profane Gedanke, ist nicht immer Ausdruck von Stärke. Sie kann auch das hoch entwickelte Sensorium desjenigen sein, der es sich nicht leisten kann, andere falsch einzuschätzen. Wer Macht besitzt, kann sich grob verhalten. Wer keine Macht besitzt, sollte möglichst genau wissen, wann der Mächtige schlechte Laune hat. Der eine nennt das Durchsetzungsvermögen, der andere nennt es Rücksichtslosigkeit. Der eine entwickelt Selbstgewissheit, der andere Empathie.

Eine erstaunliche Arbeitsteilung, oder? Natürlich folgt daraus nicht, dass Empathie schlecht ist. Im Gegenteil. Eine Gesellschaft ohne Empathie wäre eine ziemlich unangenehme Sache, vermutlich mit sehr kurzen Warteschlangen vor den Eisdielen, weil ständig jemand dem anderen auf die Füße tritt.

Aber aus der Anpassungsleistung der Ohnmächtigen eine moralische Überlegenheit machen? Wer gezwungen ist, die anderen zu verstehen, ist deshalb noch nicht freier. Seine Empathie kann eine Tugend sein. Sie kann aber ebenso gut eine Fähigkeit sein, die ihm die Machtverhältnisse beigebracht haben. Macht macht nicht automatisch emphatisch teilnahmslos. Ohnmacht macht nicht automatisch moralisch überlegen.

Wer niemals gezwungen war, die Perspektive des anderen einzunehmen, besitzt einen Luxus, den der Unterlegene nicht kennt. Meine kurze pointierte Erkenntnis der Szene vor der Eisdiele lautet: Nicht jeder, der lächelt, ist einverstanden. Manche Menschen lächeln, weil sie längst gelernt haben, was der andere noch lernen muss.

Ændr Øjeblikket Åben Ydmyghed