Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Auch die 34. Ausgabe des Rudolstadt-Festivals vom 2. bis 5. Juli 2026, welches immer am ersten Juli Wochenende stattfindet, ist wie jedes Jahr ein Erlebnis im Schlaraffenland gewesen.

Die Einstellung lautet stets: Vertraue einfach deinen Ohren. Für einen wachen Kopf, so hat der Autor erst kürzlich gelesen, seien u.a. folgende Dinge empfehlenswert: Führe Tagebuch. Tut man es nicht, man wird später wünschen, man hätte. (Mach dir Notizen während der Festivaltage. Deine Rezension wird dir einfacher von der Hand gehen.) Lese Literaturklassiker öfters. Du verstehst sie jeweils anders. (Komm zum Festival immer wieder. Deine Lebensfreude wird stetig steigen.) Lerne mindestens eine wenig bekannte Sprache. (Mit Kenntnissen der Irisch-, sowie der Schottisch-Gälischen Sprache, schnappst du Wortschätze auf, die dir sonst entgehen.)

Rahmenprogramm des Festivals, das Begrüßungskonzert im historischen Rathaus von Teichel: Die irische Sängerin und Violistin Clare Sands macht den ersten konzertanten Aufschlag. Und der Autor meint die Textzeile «Mil air an fhìonain» herausgehört zu haben: «Honig am Weinstock.» Ja, so ist das Rudolstadt-Festival: Süß wie Honig, verführerisch wie eine Amphore, randvoll mit köstlichem Wein. Ob Roten, ob Weißen, immer anregend.

Rot und Weiß, diese Farben fielen diesmal besonders ins Auge. Österreich. Im Vorfeld des Festivals, 11. Juni, hatten Rudolstadts Bürgermeister Jörg Reichl und die burgenländische Landesrätin Daniela Winkler im Löwensaal der Stadt (siehe Beitragsfoto oben) eine offizielle Kulturpartnerschaft zwischen der Stadt Rudolstadt und dem Bundesland Burgenland unterzeichnet. Die speziellen Aspekte von Burgen. Dazu später.

Die Verbindung passte damit perfekt zum Festivaljahr 2026, da Österreich als Länderschwerpunkt des Folk- und Weltmusikfestivals vorgesehen war. Die Ensembles aus Österreich, in Nachfolge der k.u.k.-Monarchie, boten fantastische k.unst u. k.lang-Momente an den vier viel zu schnell dahinfließenden Tagen. Die durch die Stadt mäandernde Saale gibt die Fließgeschwindigkeit vor. Möge die Flut niemals kommen.

Der Besucher hat entweder oder / sowohl als auch, ein 228-seitiges Programmbuch (!-nicht Heft) / eine sehr übersichtliche und gut gemachte App in der Hand bzw. vor dem interessierten Auge; das optisch körpereigene Sehwerkzeug geschützt vom sommerlichen Sonnenhut, den man immer wieder mit Lob und Anerkennung für die vorbildliche Organisation des Festivals zu lüften geneigt ist.

Aus 40 Ländern kommen die Künstler inmitten der 90.000 Musikfans und bieten ihre Klangkunst auf fast 30 parallel verfügbaren Bühnen und Podien, die sich vor allem auf die historische Altstadt, den angrenzenden Heinepark – ein größerer Stadtpark und bestimmt kein Blumengarten – konzentriert. In den Vorjahren auch auf dem Gelände der hoch über der Stadt liegenden Heidecksburg, die dieses Jahr und in ein paar zukünftig Weiteren wegen Renovierungsarbeiten am Gebäudekomplex ausfiel respektive ausfallen wird. Das stimmt einen moll.

Auf der Klaviatur des reduzierten Spielstättenangbots improvisierte die Festivalleitung virtuos, nicht musikalisch, aber mit einer logistischen Professionalität ohnegleichen. Zur Festivals Vielfalt gehören eben auch kleinere Spielstätten, lauschige Innenhöfe, Theater und Kircheninnenräume, diesmal ergänzt mit zusätzlichen Bühnenaufbauten. Um es treffsicher wie einst Wilhelm Tell, aber nicht ausschließlich auf einen klassischen Punkt zu bringen: Das Rudolstadt Festival ist schillernd weiter beispiellos!

Leider – und hier muss der Autor an den Song «Here Comes the Flood» des musikalischen Erzengels Gabriel erinnern – ist die Kultur übergreifende Lage rund um Rudolstadt extrem komplex, da die Stadt auch Hochburg des thüringischen Rechtspopulismus ist. Da wünscht sich der Autor gerne auch mal substanzielle Renovierungsarbeiten am Tiefensockel jena, sorry jener, „politischen Hochburg“. Auch über wehrhaften Burgzinnen steht die Zukunft bekanntlich in den Sternen.

Ein galaktisch großartiges Konzert gab es Samstagabend zur mitternächtlichen Stunde auf der großen Markt Bühne zu bestaunen. Das komplette Konzert-Potpourri hier widerzugeben ist unmöglich, selbst eine Auswahl erweist sich als schwierig. Das Ereignis, welches sich hier hervorliest, heißt Legiana Collective. Diese folk-musikalische Formation besteht aus neun ehemaligen Straßenmusikern, die aus Spanien, den Niederlanden, Italien und Dänemark stammend zusammengefunden haben. Ihre Spielfreude übertrug sich mühelos auf’s begeisterte Publikum, zog diesem gar jeglicher Erdschwere entbunden, „die Schuhe aus“. Jedes Jahr ein nicht nur hornhautnahes Déjà-vu-Erlebnis. Tanz- und Step Touch Schritte mitten im und vom Publikum. Das gehört nämlich zur DNA des alljährigen Rudolstadt-Festivals.

Unmittelbar nach dem Konzert begaben sich alle neun Legiana Virtuosen in kollektiver Eintracht direkt vor die Konzertbühne, bildeten einen Kreis und boten umringt vom Publikum eine zehn-minütige A cappella Darbietung. Dieser akustische, Länder übergreifende aus neun Menschen, Plejaden gleich bestehender Korona Ring unter blau-schwarzem Sternenhimmel war genau das richtige Symbol für Frieden in der Welt und für das zur Vereinigung bestimmte Europa. Friedenssymbol auch für die nationalen, nicht nationalistischen Länder. Für all die Städte, für all die Menschen auf dem Globus.

Für 2027 ist die Wiederkehr fest geplant. Dann ist Korea – ob Nord, ob Süd, einerlei, nicht zweierlei – der Länderschwerpunkt. Im Himmel gibt es keine Himmelsrichtungen. Man ist doch mittendrin. Noch 351 Tage. Das Festival Motto wie jedes Jahr erneut: Wie im Himmel! Voller Geigen und Trompeten.

Der Rest ist Schweigen.