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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.
Meine letzte Romanlektüre ist der Roman Sanditz von Lukas Rietzschel gewesen. Es gibt Schriftsteller, die Geschichten erzählen. Und es gibt Schriftsteller, die gesellschaftliche Stimmungen sichtbar machen, lange bevor andere überhaupt bemerken, dass etwas in Bewegung geraten ist. Zu dieser zweiten Kategorie gehört für mich Lukas Rietzschel. Mit Sanditz hat der junge Autor aus Ostsachsen nicht einfach nur ein weiteres Buch über Ostdeutschland geschrieben. Vielmehr gelingt ihm ein literarisches Panorama über Orientierungslosigkeit, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Frage, wie Menschen in einer zunehmend komplizierten Welt ihren Platz finden.
Der vielleicht wichtigste Gedanke des Romans steckt bereits in jener zentralen Passage, die wie ein Schlüssel zum gesamten Werk wirkt: der Mensch als Einzelner, losgelöst aus alten Kollektiven, plötzlich allein in einem „leeren Zentrum“. Genau darin liegt die Wirkung von Sanditz. Rietzschel beschreibt Menschen, die unterwegs sind, ohne wirklich anzukommen. Menschen, die sich durchschlagen, gegen den Strom oder mit ihm, die nach Sinn suchen, nach Halt, nach irgendeiner Ordnung inmitten gesellschaftlicher Verwirrung.
Diese Perspektive macht Sanditz zu mehr als einen bloßen „Ostroman“. Zwar spielt die Handlung in einer ostdeutschen Kleinstadt, doch die Fragen, die das Buch stellt, sind universell: Was passiert mit Menschen, wenn vertraute Strukturen verschwinden? Warum klammern sich manche an einfache Erklärungen? Und wie bleibt man empathisch in einer Welt, die immer aggressiver diskutiert?
Mitten in einem Pressegespräch des Autors mit der Süddeutsche Zeitung passiert Folgendes, nachzulesen in der SZ-Ausgabe vom 13. Mai 2026; Tatort Imbiss „Mal Alscham“ in Görlitz. Rietzschel kommt mit einem Mann ins Gespräch, der Verschwörungserzählungen über Corona und den Krieg in der Ukraine verbreitet. Dieser Mann scheint keine Ahnung und auch nur wenige Informationen für ein fundiertes Urteilsvermögen zu haben. Eigentlich hätte man einfach gehen können. Doch Rietzschel bleibt. Er hört zu. Er versucht zu verstehen. Genau darin offenbart sich viel über den Autor selbst. Sowie über die Haltung, die auch Sanditz prägt.
Der Satz „ICH BIN FÜR FRIEDEN!“, den der Mann irgendwann herausbrüllt, wirkt wie ein verzweifelter Schrei eines Menschen, der einfach nur Halt sucht. Pure Verzweiflung! Konkret verlautbart von einem einsamen, vereinzelten Menschen in einer Welt, von der dieser Solitär nicht will, dass sie so ist, wie sie ist: „Ich bin für Frieden!“, sein Aufschrei.
Ich fühle mich erinnert. Erst kürzlich entdeckte ich in einem Bahnhofskiosk ein mir unbekanntes Presseorgan. Das Cover dieser aktuellen Ausgabe schmückte jedoch das allgemein bekannte Friedenssymbol. Beim Blättern im Heft, beim Blick auf Seite 5, der Inhaltsseite, keine thematische Entsprechung bei den Textbeiträgen! Der Aufschrei „Ich bin für Frieden!“ hier ein visuell Publizistischer.
Zurück zu Lukas Rietzschel Begegnung. Er reagiert nicht mit Spott, sondern mit dem Versuch, die Motive dahinter zu begreifen. Diese Haltung ist bemerkenswert in einer Zeit, in der Debatten oft nur noch aus gegenseitiger Empörung bestehen.
Dabei wird deutlich: Rietzschel will die Welt nicht vorschnell erklären. Er will sie beobachten. Er will verstehen. Genau deshalb funktionieren seine Figuren so gut. Sie sind keine politischen Thesen auf zwei Beinen, sondern widersprüchliche Menschen mit Brüchen, Hoffnungen und Ängsten.
Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren und zählt heute zu den wichtigsten jungen Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Bereits sein Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen machte ihn bekannt. Mit Sanditz geht er nun noch einen Schritt weiter: Das Buch spannt einen Bogen vom Ende der DDR bis in die Gegenwart. Von besetzten Stasi-Zentralen über westdeutsche Baustellen bis hinein in die Isolation der Corona-Jahre.
Die fiktive Kleinstadt Sanditz wird dabei zu einem Spiegel Deutschlands. Hier leben ehemalige Offiziere, Bürgerrechtler, Frührentner, Träumer und selbst ernannte Widerständler nebeneinander. Rietzschel erzählt ihre Geschichten warmherzig und multiperspektivisch. Gerade dadurch entsteht ein literarisches Gesamtbild, das nie belehrend wirkt.
Interessant ist auch, wie sehr der Autor selbst inzwischen zur Projektionsfläche geworden ist. Weil er jung ist, aus Ostdeutschland stammt und klug über gesellschaftliche Entwicklungen spricht, wird er ständig als „Osterklärer“ eingeladen. Doch genau gegen diese Vereinfachung scheint er sich zu wehren. Immer wieder betont er, dass es „DEN Osten“ gar nicht gebe. Zu unterschiedlich seien die Erfahrungen, Erinnerungen und Lebenswege der Menschen.
Diese Differenzierung macht seine Literatur so bemerkenswert. Rietzschel reduziert Menschen nicht auf Herkunft oder politische Zuschreibungen. Stattdessen zeigt er die komplizierten Grauzonen dazwischen. Seine Figuren sind Suchende. Manche verirren sich. Manche bauen sich, wie der Mann vom Nebentisch, ihr eigenes „System im Garten der Verwirrung“. Vielleicht aus Angst vor Orientierungslosigkeit. Mit Sicherheit aus Einsamkeit.
Gerade deshalb trifft Sanditz einen Nerv der Gegenwart. Der Roman erzählt von gesellschaftlicher Zersplitterung, ohne moralisch zu belehren. Er beschreibt Menschen, die sich nach Gemeinschaft sehnen und gleichzeitig Mühe haben, miteinander zu reden. Das macht das Buch so aktuell. Nicht nur für Ostdeutschland, sondern für unsere gesamte Gesellschaft.
Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck: Lukas Rietzschel ist ein Schriftsteller des genauen Hinschauens. Einer, der zuhört, selbst wenn es unangenehm wird. Einer, der versucht, menschliche Widersprüche auszuhalten, statt sie vorschnell zu verurteilen. Der Roman liefert keine einfachen Antworten. Allersichtliche Fragekomplexe hingegen schon.
Der Rest ist Schweigen.