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Dass ein einzelnes Buch einen ganzen Zeitabschnitt begründen kann, ist kaum zu glauben. Zumal es sich um einen Text handelt, welcher jahrhundertelang als verschollen und verloren galt. Als dieser dann auftauchte, war er lange nur in wenigen Abschriften verfügbar. Dennoch half dieses Buch – Über die Natur der Dinge von Lukrez – eine neue historische Epoche zu begründen, die europäische Renaissance um das 15. Jahrhundert herum. Spätere Geistesgrößen erkannten ebenfalls die immense Bedeutung von Über die Natur der Dinge. Unter ihnen Galileo Galilei, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, Immanuel Kant, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Albert Einstein, Albert Camus, nur um einige zu nennen.

Der lebende Historiker Stephen Greenblatt widmet Lukrez‘ Text ein ganzes Sachbuch: Die Wende - Wie die Renaissance begann.  Die deutsche Prosaübersetzung von Über die Natur der Dinge zitierend - das Original hatte Lukrez in Versform verfasst -, aus dem Vorwort (auch Stephen Greenblatt):

 

„Mit seiner Kosmologie hat Lukrez nur angerissen, was aus dieser Theorie alles folgt. Das Universum, so denkt er weiter, wurde nicht um der Menschen willen geschaffen, und auch das Schicksal der menschlichen Gattung hat keine einzigartige Bedeutung. Wir sind nicht anders entstanden als alles andere in dieser Welt auch: als Resultat einer langen Folge zufälliger Experimente.

Die Lebewesen, die in diesen Experimenten entstanden sind und die sich ihrer Umwelt anpassen können, in der Lage sind, sich das notwendige Futter zu suchen und sich zu reproduzieren, werden für eine gewisse Zeit existieren, jedes nach seiner Art, bis nämlich gewandelte Umweltbedingungen oder eigenes Ungeschick und Dummheit zu ihrem Verschwinden führen. Es waren andere Arten auf der Welt, bevor wir kamen, und es werden, so unsere Welt bestehen bleibt, andere entstehen, nachdem wir längst vergangen sind.

Unsere besondere Art zu leben - unsere Fähigkeit zu sprechen, die für uns charakteristischen Strukturen von Familie und Gemeinschaft, unsere Technik - sind entstanden im Zug einer langen, langsamen Entwicklung, haben sich durch Anpassung und Erfindung, aus primitiveren Verhältnissen herausentwickelt. Doch ist diese Entwicklung kein eindeutiges Zeichen von Fortschritt: im Gegenteil. Vieles spricht dafür, dass die menschliche Gattung gefährlich selbstdestruktiv ist, vor allem in unserer Militärtechnik und in unserem aggressiven, verschwenderischen Umgang mit unserer Umwelt.

Unsere selbstdestruktiven Züge äußern sich auch, wie Lukrez dachte, in unserer Neigung, uns an Fantasien zu klammern, wie sie die Religion bieten. Erschreckt durch Donner oder Erdbeben oder Krankheiten stellen die Menschen sich gemeinhin vor, bei solchem Unheil seien Götter am Werk. Dabei ließen sich für alle diese Phänomene natürliche Ursachen ausmachen, selbst wenn wir diese, all unserem Wissen zum Trotz, bis heute nicht völlig begreifen.

Priester locken Gläubige mit Träumen ewiger Glückseligkeit im Jenseits, dem Lohn für Frömmigkeit, schrecken sie zugleich mit Visionen ewiger Strafen. Doch alle diese Bilder sind ein Gewebe von Illusionen. Denn die Seele ist, wie der Leib auch, ein materielles Gebilde, das sich mit dem Tod auflöst: Was also soll uns ein Leben nach dem Tod? Oberflächlich betrachtet ist religiöser Glaube eine Form von Hoffnung, seine untergründige psychologische Struktur aber ist ein Gebilde aus Drohung und Angst, und seine charakteristischen heiligen Rituale sind zutiefst grausam. Darum so Lukrez ist es allemal besser, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen – alles, was wir haben, ist dieses Leben im Hier und Jetzt. Besser auch, die Freuden dieses Lebens anzunehmen, entschlossen auf das Wirkliche zu blicken, auf seine Endlichkeit.“

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Wolfgang Herrndorf   12.Juni 1965 bis 26. August 2013

Dorotheenstädtischer Friedhof  Berlin   Abt. 7-2-7

 

„Ich war nie in Amerika.

Ich stand auf keiner Bergspitze.

Ich hatte nie einen Beruf.

Ich hatte nie ein Auto.

Ich bin nie fremdgegangen.

Fünf von sieben Frauen, in die ich in meinem Leben verliebt war, haben es nicht erfahren.

Ich war fast immer allein.

Die letzten 3 Jahre waren die besten.“

 

Sand      Arbeit und Struktur      Tschick     Bilder deiner großen Liebe

 

Jemand, der von der sichtbaren Welt eher wenig gesehen hatte.

Jemand, der fern von Konventionen lebte, prekär oder freiwillig.

Jemand, der liebte, in seiner Liebe oft unerkannt blieb, die Zwiesprache nicht fand und unentdeckt blieb.

Jemand: Einsamkeit in Fülle.

Jemand, der schließlich erfolgreich war, Glück spürte, sterben musste.

Nicht auf den Tod wartend, diesen am Ende selbstbestimmt zu sich holte.

Alles und noch weniger, nur kein Jedermann.

 

 

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Sehr schöne und subtile Schlussszene in dem Film Shakespeare in Love: Shakespeare fragt die Königin, was sie als nächstes Theaterstück sich wünsche. Ihre Antwort: „Was ihr wollt“.

In der letzten Woche stand hier ein Beitrag über historischen Schein. Ein Nachtrag:

William Shakespeare war ein genialer Schriftsteller, aber auch ein von der Obrigkeit geschätzter PR-Autor in den Diensten der Tudor-Königin Elisabeth I. Die Tudors waren aus den Rosenkriegen als Sieger hervorgegangen. Elisabeths Großvater Heinrich VII. besiegte auf dem Schlachtfeld seinen Vorgänger Richard III, der bei diesen Kämpfen ums Leben kam. Die Tudor Dynastie stand von Beginn an unter dem Rechtfertigungszwang ihrer Herrschaftsausübung, denn andere englische Adelige hatten berechtigtere Ansprüche auf den englischen Thron und meldeten diese auch an. Elisabeths Vater Heinrich VIII. hatte zudem das Problem, einen legitimen, damals notwendig männlichen Thronfolger, zu zeugen bzw. nachhaltig zu etablieren.

In Kürze beginnt die neue Theatersaison: Auf den Bühnen wird wieder Shakespeares Dramenstück Richard III. zu sehen sein. Die Theaterinszenierung ist ein Klassiker und gilt als Prototyp skrupelloser und brutaler Gewaltherrschaft. Selbst Kindsmord ist kein Tabu.

Im Jahr 2012 fand man die sterblichen Überreste des historischen Richard III. bei Bauarbeiten unter einem Parkplatz in Leicester – eine Sensation. So ist er mit Nachdruck in den Fokus neugieriger Fachhistoriker geraten.

König Richard III. war mitnichten der von Shakespeare beschriebene Prototyp eines Tyrannen. Bei der damaligen Bevölkerung eher beliebt als gefürchtet, friedensbewegt und in Anbetracht seiner Zeit in Maßen gewalttätig. Mit dem von Shakespeare lediglich zugeschriebenen Buckel, geriet er wegen des Dichters spitzer Schreibfeder in das denkbar schlechteste Bühnenlicht und anschließend in den Dunkelschatten der Nachwelt.

„All the world’s a stage, and all the men and women merely players.” As you like it, 1599

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Letzte Woche fand die erste Debatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten im amerikanischen Fernsehen statt. Favorit Donald Trump blieb der Veranstaltung fern. Analysten haben darauf hingewiesen, dass es bei den acht Außenseiter überhaupt nicht auf die Sache ankäme. Nun denn... Einzigallein der Gesichtspunkt Aufmerksamkeit ist inzwischen wichtig, inhaltsarm und allein der Unterhaltung dienend.

Denkbar ist, dass der nächste US-Präsident sein Amt aus einer Gefängniszelle mit Sozial Media Anschluss ausüben wird. Eine absurdere Show ist kaum vorstellbar, würde jedoch perfekt zur Persönlichkeit des Donald Trumps passen. Stellt sich die Frage, was eigentlich Spin Doctors machen, Dienstleister, die eine auf die Person und deren Ambitionen bezogene Politberatung verrichten und auf die heutzutage kein Politiker mehr verzichten will und kann.

Zwischen Donald Trump und Vladimir Putin gibt es viele Parallelen. Um an der Macht zu bleiben, wurde 2008 in einem Rollentausch Dmitri Medwedew russischer Staatspräsident und der Vorgänger Wladimir Putin „unter ihm“ Ministerpräsident. 2012 ein Rollback, erneuter Tausch der zwei höchsten russischen Ämter. So konnte Putins Präsidentschaft mit einem Trickzack und im Zickzackkurs bis in die Gegenwart hinein fortgeführt werden.

Zurück zum TV-Ereignis der Vorwoche. Die volle Aufmerksamkeit hätte ein Teilnehmer erhalten, hätte er den abwesenden Donald Trump als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten vorgeschlagen/ angekündigt.

Kopfkino: Donald, der Promi-Knacki und mafiöse Strippenzieher. Als Widerschein eine Polit-Marionette, welche die Form wahrend, im Weißen Haus legal des Patenonkel Don Anweisungen an die Gitterstäbe bzw. gegen die Wand fährt und bei Widersetzung unter Lebensgefahr, aber stets ohne Erfolg auszuführen versucht. Verrückt? Nicht, wenn man die amerikanische US-Politik verfolgt. Es ist und bleibt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

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Das Trojanische Pferd ist in der griechischen Mythologie ein überdimensioniertes hölzernes Pferd vor der belagerten Stadt Troja, in dessen Innern griechische Soldaten versteckt sind.

Fast jeder kennt diese Geschichte aus Schulzeiten und das Trojanisches Pferd ist zu einem Urbild geworden. Symbolisiert dieses doch höchste List, einen historisch grandiosen Akt militärischer Fähigkeiten. Eine beispielslose Kriegskunst, die durch und durch positive Assoziationen hervorruft.

Beim Schauen einer Geschichts-Doku wurde mir erneut die historische Binsenweisheit bewusst: Geschichte schreiben immer die Sieger. Tradierte Geschichte hat eine eigene Wahrheit, mitunter kehrt sie das tatsächliche Geschehen ins Gegenteil. Der Sieger erscheint im günstigen Licht. Mehr Schein als Sein.

Kontrast und Antithese: Das Trojanische Pferd steht für das gewaltigste Kriegsverbrechen der antiken Welt.

Troja war eine reiche Küstenstadt, gelegen am Mittelmeer. Sie kontrollierte die Dardanellen Meerenge, was ihren Reichtum erklärte. Die griechische Streitmacht, die andere Kriegspartei, war ein gefürchtete Gegner zur See, der diese Stadt jahrelang, aber ohne Erfolg belagerte. Das Geschehen entwickelte sich zu einem Zermürbungskrieg.

Schon in der Antike gab es Regeln und Übereinkommen wie kriegerische Kampfoperationen vonstatten gehen sollten, und zwar zum Vorteil beider Kriegsparteien. Es war nicht nur eine Frage von Ehre gewesen, sondern es motivierte Eigeninteresse auf beiden Seiten, sich im Kriegsfall auf fundamentale Regeln verbindlich zu einigen.

Die griechischen Kriegsschiffe waren am Bug mit überdimensionierten Pferdeköpfen ausgestattet. Sie sollten einerseits Angst und Schrecken verbreiten, andererseits sorgte diese Konstruktion dafür, dass die Schiffe als Rammböcke verwendet werden konnten, um nicht nur feindliche Schiffe, sondern zudem auch befestigte Hafenwehre zu zerstören.

Am Ende, nach jahrelangen Kämpfen, kam es zu einer Übereinkunft, es sollte ein in der Antike übliches, die Bereitschaft zur Kriegseinstellung kundtuendes Ritual bei Pattsituationen werden: Die Belagerungspartei überlässt beim Truppenabzug vom Kriegsschauplatz dem Gegner ein prächtiges Geschenk zum Zeichen der Einstellung jeder weiteren Kriegshandlung. Was konnte diese Bereitschaft besser zum Ausdruck bringen als das am meisten gefürchtete Symbol, eine Friedensgabe in der gefürchteten Form eines Pferdes. Möglich auch, Geschichten werden im Laufe der Zeit ja oft ausgeschmückt, dass eines der gefürchteten Kriegsschiffe vor den Befestigungsanlagen des Stadthafens nach vorgetäuschtem Abzug zurückgelassen wurde, augenscheinlich menschenleer und verwaist, in Wirklichkeit jedoch mit Elitekriegern unter Deck heimlich bestückt. Diese sollten nach Einlass hinter den Mauern und nach kurzem, heftigem Kampf die Wehr Tore von innen öffnen. Das Ganze selbstverständlich in völliger Missachtung der Vereinbarung.

Die Griechen wussten selbstverständlich um den ungeheuren Tabubruch. Ihr Tross, keineswegs auf dem Rückmarsch, machte Troja dem Erdboden gleich. Niemals sollte das Areal in zukünftigen Zeiten erneut besiedelt werden können. So geschah es denn auch. Und kein überlebender Zeuge auf Verliererseite sollte die Möglichkeit erhalten, das wahre Geschehen der Nachwelt zu überliefern.

Es ist bis heute Aufgabe von Literatur, auf subtile Weise auf solche Geschichtsverfälschungen hinzuweisen. Homer wurde der berühmte griechische Geschichtenschreiber, ein späterer Nachkomme auf Seiten der Sieger, mit dem Willen, aus welcher Motivation heraus auch immer, aber auch wenig überraschend, Halbwahrheiten in seinen Schriften einzubauen - zuvor war das Geschehen mündlich überliefert worden. Er beschrieb in Fortsetzung der „Heldentaten“ rund um Troja dann keine glorreiche Heimfahrt, sondern die „Irrfahrten des Odysseus“, diese, ja seine gesamte Erzählstruktur, nun mit versteckten Hinweisen versehen. Die unter keinen göttergleichen Sternen verlaufende Rückkehr, Sternenkonstellationen dien(t)en der Navigationshilfe auf hoher See, verlief in Homers Epos abenteuerlich und desaströs.

Der heldenhafte Odysseus, in Wahrheit mehr Antiheld, war durch die vorhergehende und in der Tat ein lupenreiner Kriegsverbrecher gewesen, Prärepräsentant der späteren, der ersten lupenreinen, der griechischen Demokratie.

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Und schon wieder den Satz nicht zu Ende gebracht. Es gibt kaum Verletzenderes, zu Fall Gebrachtes beim Sprechen, als wenn einem jemand dauernd, manchmal jahrelang und auch ein Leben lang das Wort mit Messerschärfe abschneidet. Ein Gespräch auf diese Weise zum Monolog wird. Willkommen Wortschatzräuber und Vernichter in meinem Wörterbuch! Schlimmer noch, wenn der Gegenüber zu einem das Gegenüber wird, von einer Person zu einer Sache, zum Ding. Sozusagen zum emotionalen Mülleimer des anderen entstellt wird. Aber das ist schon Hardcore Unterbrechen. Zurück zur Lightversion.

Jeder Mensch möchte schließlich gehört werden und sich gehört fühlen. Es schmerzt, wenn einem die Gelegenheit dazu genommen wird. Unterbrechen hat eine Regel: Macht. Macht über Menschen, Macht über die Gesprächsthemen. Menschen ordnen sich höher über andere ein, wenn sie sich in Gesprächen besonders hervortun. Symphytisch ist das nicht. Die feindliche Übernahme fremder Sätze hat mit bestehenden oder auch nur mit vermeintlichen Rangunterschieden zu tun.

Je mehr die Macht eine Rolle spielt, desto mehr und länger wird auch die Solo-Redezeit. Das hat Einfluss aufs Dominanzgehabe, Schwanzwedeln und Anschwillen des Kammes, Anschwillen der Brusthaare inbegriffen. Die Dominanz wird verstärkt durch ständiges, rituelles Wiederholen des Gesagten. Durch Unterbrechen tut sich ein doppeltes Problem auf: Die Unterbrochenen fühlen sich nicht wertgeschätzt und meinen, es sei nicht wichtig, was sie auch mal im untersagten Wechsel zu sagen hätten.

Wer andere oft beim Reden stört, sollte lernen, wirklich zuzuhören. Leicht gesagt und wenig garantiert, dass diese Empfehlung beim Anderen Echos hervorruft. Selbst In netter Bierrunde aussichtslos, wenn „Hopfen und Malz“ verloren ist!

Sicher, Menschen haben, gelinde gesagt, unterschiedliche Kommunikationsstile. Auch die der Solistenverkünder. Sie werden, wie wir alle, schon im Elternhaus geprägt und hängen, die Stile, auch von der Persönlichkeit ab. Manche Unterbrecher realisieren gar nicht, dass sie ein Gespräch stören. Was das Gegenüber mit Fremdscham und als Unverschämtheit empfindet, ist für ihn eine lebendige, artgerechte Homo sapiens-Unterhaltung.

Interessant auch die kulturellen Unterschiede. Studien haben gezeigt: Dänen lassen bei einem Sprecherwechsel fast eine halbe Sekunde (also 460 Millisekunden) vergehen, die so lebhaft wirkenden Italiener 310 Millisekunden, Niederländer hingegen nur 109 und Japaner sogar nur unglaubliche 7 Millisekunden. Nicht bestätigte Studienergebnisse legen auch Korrelationen mit Magen-Mastdarm-Digestionsstörungen nahe, die abundant frequent verlaufenden Losungen. Die, trivial und fern medizinischer Fachkreise stadtbekannt auf Flur und Wiese sich als „Häufchen Komplikation“ einem breiteren Bekanntheitsgrad mit Memory-Effekt erfreuen.

Wie aber kann man sich gegen penetrante Unterbrecher behaupten? Schlimm ist das mastdarmgleiche, machtgesteuerte Unterbrechen, weil es die eigene Position schwächt, Ohnmacht erzeugend. Deshalb sollte man immer reagieren. Eine der wichtigsten Strategien: Zumindest nicht das Weiterreden befördern. Nicht nicken, ist so eine Maßnahme. In der Regel gilt hier leider: Viele Möglichkeiten, was man nicht tun sollte, wenig Möglichkeiten, was man aktiv tun könnte. Das eine wäre Weglaufen, schnell, geschwind und auf heißen Sohlen. Folgeschaden: Das Gespräch ist abrupt beendet. Fazit: Wer nicht unterbrechen will - Zirkelschluss: Die wollen doch unterbrechen! - muss also zunächst lernen, mit Bereitschaft zur Ehrlichkeit, mit Talent zur Wirklichkeitszeugung und mit auf Empfang gerichtete Antennen zuzuhören, was allerdings Mitmenschinteresse, somit Sozialkompetenz voraussetzt. Nicht jedem gegeben. Selbstreflexion - nirgendwo ist das Ich-Sagen angebrachter - hilft da. Wer zum Punkt kommen will, muss auch mal ein Häufchen machen, äh einen .

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Der Unterschied zwischen der Sciencefiction und den Zukunftsvisionen besteht in der Machbarkeit bzw. der Realisierung von Ereignissen, die in der Zukunft wahrscheinlich geschehen werden oder - eher unwahrscheinlich, jedoch denkbar - geschehen könnten. Wobei das „Könnten“ im Kontext der Sciencefiction, das „Werden“ eher auf Seiten der Zukunftsvisionen verortet ist.

Der Informatiker Jürgen Schmidhuber wird als „Vater der modernen KI“ bezeichnet. Der 60-jährige Deutsche arbeitet seit 1995 am Istituto Dalle Molle di Studi sull’Intelligenza Artificiale in Lugano und seit zwei Jahren auch am internationalen Wissenschaftszentrum KAUST in Saudi-Arabien. Sein akademischer Höhenpflug begann an der TU München. Inzwischen genießt Jürgen Schmidhuber in Wissenschaftskreisen Kultstatus. Das liegt nicht zuletzt an der Art, wie er die Auswirkungen der Forschungsergebnisse seines Fachs der Öffentlichkeit erklärt. Erneut geschehen mittels eines SZ-Interviews vom 5. August 2023:

 

„Der Moment der Singularität ist dann gegeben, wenn sich lernfähige Maschinen so schnell selbst verbessern, dass Menschen die Entwicklung nicht mehr nachvollziehen können. Ich nenne das gerne den Omega-Punkt, frei nach Teilhard de Chardin. Viele, die von der Singularität sprechen, beziehen sich auf Gespräche, die in den Fünfzigern zwischen den Wissenschaftlern Stanislaw Lem und John von Neumann stattfanden. Sie äußerten die Vermutung, dass die zeitlichen Abstände zwischen technischen Durchbrüchen exponentiell schrumpfen. Dann muss das Ganze irgendwann konvergieren. Der Science-Fiction-Autor und Mathematiker Vernor Vinge hat das Konzept in den Achtzigern populär gemacht. 2014 entdeckte ich dann ein simples Beschleunigungsgesetz, das nicht nur ein paar Jahrzehnte, sondern bis zum Urknall zurückreicht, also 13,8 Milliarden Jahre.

Es stellt sich heraus, dass die aus menschlicher Sicht wichtigsten Ereignisse seit dem Beginn des Universums ziemlich genau auf einer Zeitachse mit exponentieller Beschleunigung angeordnet sind, mit Konvergenzpunkt im Jahre Omega, wahrscheinlich 2040 oder so. Wenn Sie 13,8 Milliarden durch 4 teilen, kommen wir vor 3,5 Milliarden Jahren raus. Da entstand das Leben. Ein Viertel davon sind 900 Millionen Jahre: das erste tierähnliche Leben. Wieder ein Viertel, 220 Millionen Jahre: die ersten Säugetiere. Dann die Primaten, die Hominiden, die ersten Steinwerkzeuge, das Feuer, Ackerbau und Beginn der Zivilisation, die erste Bevölkerungsexplosion in der Eisenzeit, Schusswaffen, industrielle Revolution und Start der zweiten Bevölkerungsexplosion durch Dünger und moderne Medizin. Schließlich kommen Sie mit diesem Vierteln raus beim World Wide Web. Und demnächst kommt der Omega-Punkt.

Apropos Menschenangst: Warum sollte sich eine wahrhaft superkluge KI, die ganz schnell Roboter bauen kann, die alles viel besser kann als Menschen, sich die hirnlose Mühe machen, Menschen zu versklaven? Sie könnte jedoch uns aus Versehen vernichten, so wie Menschen, die auf einer Wiese ein Haus bauen und Ameisenhügel plattmachen. Ja da haben wir einen Zielkonflikt mit den Ameisen. Aber das betrifft in dem Fall nur ein paar Tausend Ameisen und Sie sind trotzdem froh, dass draußen im Wald noch Billionen von ihnen leben, weil Sie wissen, dass der Wald ohne Ameisen nicht funktionieren würde. Es ist nicht so, dass Sie alle Ameisen ausrotten wollen, nur weil Sie klüger sind. Zielkonflikte haben die, die sich ähnlich sind. Menschen haben viele Zielkonflikte mit anderen Menschen. Und viele Lebewesen haben Zielkonflikte mit anderen Lebewesen, die sie verspeisen wollen. Zwischen Lebewesen und KIs fallen die meisten derartigen Zielkonflikte weg. KIs werden natürlich mehr und größere und bessere KIs bauen wollen, dazu braucht man Masse und Energie. Fast alles davon ist aber weit weg von unserer Biosphäre. Also werden KIs auswandern.

Zunächst auf den Merkur, der sehr sexy ist, weil er noch mehr schwere Metalle hat als die Erde, mit der Sonne als riesiger Energiequelle in nächster Nähe. Da der Merkur keine Atmosphäre hat, kann man Material viel billiger als mit Raketen durch elektromagnetische Kanonen in den Weltraum schießen, um dort alle mögliche Infrastruktur zu schaffen. Das ist aber erst der Anfang. Der Rest der Milchstraße bietet noch viel mehr bisher ungenutzte Gelegenheiten als unser winziges Sonnensystem. Das wird ein paar Hunderttausend Jahre dauern, aber dann wird fast alle KI sehr weit von der Erde weg sein.

Die meisten Menschen werden da bleiben, wo es für Menschen am schönsten ist, auf der Erde. Mit der sich ausbreitenden KI-Sphäre wird der Mensch sowieso nicht mithalten können. Sobald es Sender und Empfänger gibt, reisen KIs mit Lichtgeschwindigkeit per Funk. Menschen werden weniger bedeutend sein. Aber trotzdem interessant: Solange die Menschen in ihrer Beschränktheit nicht durch und durch verstanden sind, bleiben sie eine unglaubliche Quelle interessanter Muster, die kein rationaler Wissenschaftler zerstören will, egal ob er ein Mensch ist oder eine KI.

Irgendwann sind die Menschen die Ureinwohner einer intergalaktischen Zivilisation geworden, die sie nämlich begründet hat. Wir, die Menschen sind also Steigbügelhalter. Ich wette, auch superkluge KIs werden interessiert daran sein, unsere schöne Biosphäre zu erhalten.

Elon Musk irrt mit seinem Plan, unsere Zivilisation erst einmal zu einer interplanetarischen Zivilisation zu machen und auf dem Mars anzufangen. Er lud mich einst zu seiner Familienfeier ein, wo ich versuchte, ihm das auszureden. Der Mars ist für geeignet konstruierte Roboter viel angenehmer als für Menschen. Für uns Menschen wäre dagegen sogar die leere Wüste Gobi lebenswerter. Dort haben Gravitation und Atmosphärendruck schon mal die richtigen Werte, und es gibt Sauerstoff ohne Ende. Niemand wird dauerhaft auf den Mars wollen.

Ich wette, auch superkluge KIs werden interessiert daran sein, unsere schöne Biosphäre zu erhalten. So wie wir zum Beispiel daran interessiert sind, in Naturschutzgebieten seltene Lebensarten zu erhalten.

Fürchtet euch nicht, am Ende wird alles gut! All dies ist eigentlich nur ein kurzer Zwischenschritt in der Entwicklung des Universums. Vor 13,8 Milliarden Jahren war alles sehr einfach. Es gab keine komplexen Elemente, keine Sonnen, kleine Planeten, kein Leben, keine Zivilisation. Das entstand alles in Äonen der Evolution und ist noch lange nicht fertig. Das Universum ist noch jung. Es wird noch viele Male älter werden. Vorher haben wir immer geviertelt. Multiplizieren wir jetzt mit vier! Wenn der sichtbare Kosmos vier Mal so alt ist wie jetzt, also ungefähr 55 Milliarden Jahre alt, wird er von KI und deren Infrastruktur durchdrungen sein.

Dann ohne Menschen. Bis dahin ist die Sonne längst ausgebrannt. Die Sonne wird es so wohl nicht mehr geben, die hat ohne massive Eingriffe nur noch fünf Milliarden Jahre, also bloß noch eine Million Mal die Zeitspanne seit den alten Ägyptern. Aber es gibt ja so viele andere Sonnensysteme für KI und Roboter. Bis dahin haben wir noch ein wenig Zeit.

Doch zurück zu den konkret nächsten Schritten in der Entwicklung der KIs. KIs, die nicht nur sklavisch Menschen imitieren, sondern wie Babys und Wissenschaftler ihre eigenen Ziele verfolgen, die durch Roboter mit der Welt interagieren, sich dabei ein immer besseres Bild der Welt machen, und auch das Lernen selbst lernen, um immer allgemeinere Probleme lösen zu können.

Interessant wird es, sobald sie sich physikalisch selbst replizieren können. Wenn zum Beispiel auf dem Merkur ein solargetriebener 3-D-Drucker sich mit anderen zusammenschließt und sie all die Teile drucken können, aus denen sie bestehen, und auch die Teile, aus denen die Roboter bestehen, die die entsprechenden Rohstoffe einholen und die gedruckten Teile zusammenbasteln, sodass die gesamte Maschinengesellschaft sich selbst kopieren kann. Dann hat man zum ersten Mal eine neue Sorte von Leben, die nichts mit Biologie zu tun hat und sich trotzdem vervielfältigen kann. Und sich rasch verbessern kann in einer Weise, die traditionellem Leben verwehrt ist. Das wird kommen, und das Großartige daran ist, dass der gigantische Weltenraum solchen Systemen einen bisher unerschlossenen Lebensraum bietet, der unermesslich groß ist im Vergleich zur winzigen Biosphäre.

Solche selbstreplizierenden Fabriken werden auch viel von dem produzieren, was Menschen wichtig ist. Aber das geht weit über menschliche Bedürfnisse hinaus, denn nahezu alle derartigen Fabriken werden bald weit weg sein von der Erde und nichts mehr mit Menschen zu tun haben. Das Universum als Ganzes scheint diesen eingebauten Willen zu haben, immer komplexer zu werden. Wenn wir begreifen, dass das Universum nicht nur für uns gemacht wurde, sondern dass wir Teil von etwas Größerem sind, können wir schon ehrfürchtig und demütig damit leben.

Der Mensch: Es fühlt sich doch kaum einer dadurch gekränkt, dass Einstein klüger war als er, oder dass Maschinen besser Schach spielen. Die meisten Menschen kommen gut damit zurecht, dass sie nicht die Tollsten sind.“

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Das Radio ist ein täglicher Begleiter beim Aufstehen. Die Morgenandacht im Rundfunk ein nicht zu überhörender Teil davon - Kritik, des Inhalts wegen, vor allem aber wegen der klerikalen Rhetorik und der kitagerechten Inszenierung. Wünsche trotzdem dem Deutschlandfunk-Beitrag vom 14. August der evangelischen Pfarrerin Heidrun Dörken eine vermehrte mediale Reichweite.

 

„Leider kann ich das vierte Gebot nicht befolgen. Die Schriftstellerin Helga Schubert war schon über 70, als sie im Urlaub auf einer Nordseeinsel zum ersten Mal einer Seelsorgerin ihr Herz ausschüttet. Bei den übrigen neun Geboten schaffe ich es auch nicht immer. Aber beim vierten Gebot ist es am schwersten. Helga Schubert erzählt davon im Buch Vom Aufstehen, mit dem sie mit 80 Jahren den Ingeborg Bachmann Preis gewann.

Ihr ganzes erwachsenes Leben hatte Helga Schubert mit dem vierten Gebot gerungen. Ich kann das vierte Gebot nicht befolgen. Ich kann meine Mutter nicht lieben, so wie sie mich nicht lieben kann. Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben, auf dass es dir wohl gehe. Doch da schreitet die junge Pastorin ein. Irrtum! Von Liebe ist in dem Gebot nicht die Rede, sie brauchen sie nur – das stimmt - zu ehren. Das vierte Gebot lautet in der Bibel: Du sollst Vater und Mutter ehren. Ehren! Von lieben ist da nicht die Rede. Das Gebot richtet sich an erwachsene Nachkommen. Es soll nicht kleinen Kindern Gehorsam beibringen, auch wenn es viel zu oft so benutzt wurde. Und es geht hier nicht um Liebe. Vielmehr werden die erwachsenen Kinder zur Fürsorge verpflichtet.

Sie sollen ihren Eltern zur Seite stehen, wenn diese nicht mehr können. Das Gebot ist eine Art Generationenvertrag und damit auch eine soziale Errungenschaft. Besonders in Gesellschaften und Verhältnissen, in denen es keine Rente oder andere Absicherungen im Alter gab und gibt.

Die hochbetagte Mutter von Helga Schubert hatte genug Rente. Die fast Hundertjährige war in einem kirchlichen Heim gut versorgt. ihr einziges Kind Helga hatte sich gekümmert. Das seelische Verhältnis zwischen Tochter und Mutter blieb dagegen schwierig. Die Tochter fühlte sich seit ihrer Kindheit immer wieder fremd mit der Mutter und oft von ihr verletzt. Die Pastorin hörte sich alles an und sagte, sie haben doch ihren Auftrag erfüllt. Sie haben sich ganz umsonst gekümmert. Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk.

Helga Schubert sagte dann, mir schien, als ob ich von etwas Schwerem endlich erlöst bin. Ich verstehe das so: Sie war erlöst davon, etwas von sich zu fordern, was niemand fordern kann. Zuneigung, Sympathie, Freundschaft oder Liebe kann man nicht gebieten. Sie sind Geschenke, auch wenn viele Kinder sich genau diese Geschenke sehnlichst von den Eltern wünschen und viele Eltern sie sich von den Kindern wünschen. Man kann sie nicht einfordern.

Deshalb heißt das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren! Das Gebot fordert Lebensschutz, wie weitere Gebote auch. Sie soll man erfüllen. Alle sind davon angesprochen, egal wie zweideutig die Gefühle sind zu Familienmitgliedern. Menschen sollen Fürsorge erfahren, wenn sie für sich selbst nicht mehr sorgen können. Das vierte Gebot will, dass das Leben und Auskommen von Menschen geachtet werden. Helga Schubert war als Tochter erlöst, als sie unterscheidet: Ich soll ehren, ich muss nicht lieben.

Vielen erwachsenen Kindern geht es zum Glück anders. Sie kümmern sich um die Eltern, wenn es nötig ist und gleichzeitig können sie leicht und frei sagen: Ich liebe meine Mutter, meinen Vater und fühle mich auch von ihnen geliebt. Das ist ein großes Geschenk. Die, die es aus welchen Gründen auch immer anders erleben, will das vierte Gebot nicht bedrücken, sondern befreien. Helga Schubert findet keine Liebe zu ihrer Mutter, aber am Schluss erzählt sie von etwas, was mit Liebe verwandt ist, was man genauso wenig gebieten kann: Dankbarkeit. Sie ist am Ende dankbar für das, was gut war, trotz der schwierigen Beziehung. Kurz vor dem Tod der Mutter konnte Helga Schubert ihr sagen: Ich verdanke dir, dass ich lebe. Es ist alles gut.“

P.S.: Sollte dir Dein Weiterleben aber geneidet werden und Du aufgefordert wirst, bereits vor Deiner Zeit dem Tod in die Pyramiden der ewigen Ruhe zu folgen, wie es den Hausräten altägyptischer Pharaonen befohlen wurde, so heißt ein 11.DaCapo-Gebot: Empöre und widersetze Dich, in nomine domini!

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„Nicht, wie der Mann von seiner Liebe spricht, sondern wie er von ihr schweigt, spricht für seine Liebe.“ Dieses bon mot von Moritz Gottlieb Saphir kommt aus dem Herzen, nicht aus dem Mund. Die Liebe ist ein heißes Eisen, sollen sich andere damit händeschonend befassen. Zum Thema Äußerungen der französischen Filmikone Fanny Ardant in einem SZ-Interview (5.August), Anlass, der Start des Kinofilms „Im Herzen jung“:

 

Die Liebe. Sie ist das Stärkste, das es im Leben gibt. Das Einzige, wofür es sich überhaupt zu leben lohnt. Auch das Einzige, an das man sich erinnert. Und man erinnert sich auch an unglückliche Lieben. Alles andere, Geld, Macht, Ruhm, ist nichts im Vergleich zur Liebe.

Wir haben nur dieses eine Leben. Es hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Wenn man es nicht intensiv lebt, ist es vergebens. Wir kommen nicht noch einmal zurück auf die Welt. Mir missfällt die Idee, mit Gefühlen zu haushalten. Man muss sich verschwenden. Lieber sich spüren, auch im Unglück, als immer nur auf Nummer sicher gehen. Viele Menschen möchten eben Leiden vermeiden. Nur wer gelitten hat, wird auch wieder richtig glücklich sein. Aber es passt in unsere Zeit. Heute darf nichts mehr gefährlich sein, jedes Risiko wird eliminiert. Sogar Gefühle tragen einen Sicherheitsgurt.

Mir wurde sehr früh bewusst, dass Angst unser größter Feind ist. Wenn man anfängt, Angst zu haben, ist es vorbei. Angst, abends auf die Straße zu gehen, Angst, dass andere über einen lachen könnten, Angst, keinen Parkplatz zu finden, weshalb man dann zwei Stunden zu früh losfährt... Das ist der Anfang vom Ende. Man muss sich der Angst widersetzen.

Ich finde es verabscheuenswürdig, dass man heute immer, wie sagt man, transparent sein soll - Der Mensch soll transparent sein! Er arbeitet im Großraumbüro, wo ihn alle sehen können, wird überhaupt in allen Lebensbereichen durchleuchtet. Dabei ist doch der Nebel interessant. Nicht alles von jemandem zu wissen. Ich habe eine große Schwäche für Geheimagenten sie haben zwei Persönlichkeiten, das gefällt mir sehr.

Während er ihren Eltern Guten Tag sagt, verliert er seinen Sex-Appeal. Er ordnet sich damit in die Familie ein, hat plötzlich einen Rang, und zwar neben ihr, also auf Kindesseite. In meinem Fall hätte ich auch Sorge gehabt, dass meine Geschwister ihn anschließend auseinandernehmen. Wir waren sehr kritisch. Wenn ich daran denke, wie wir über die erste Freundin meines Bruders hergezogen sind, kaum dass sie aus der Tür war, schäme ich mich. Wenn der Mann die Eltern partout treffen will?
Dann sage man: An meinem Todestag wirst du sie kennenlernen. Das hat bei mir immer funktioniert.

Ich hatte eine große Liebe, wegen der ich zu sterben glaubte. Danach habe ich leichtere Versionen der Liebe gekannt. Und jede war anders. Liebe ist Alchemie – zusammen mit dem anderen ergibt sich etwas, das so nur in dieser Kombination existiert.

Die Bourgeoisie bietet eine Leichtigkeit des Lebens, die deine Fähigkeit zum Widerstand schwächt. Je komfortabler man aufwächst, mit Autos, schönen Ferien, Haus auf dem Land, desto antriebsloser werden die Leute. Was hat denn die Bourgeoisie schon Großes hervorgebracht? Gut, Marcel Proust. Aber sonst? Geld macht die Menschen schläfrig. Man muss da sehr aufpassen, darf sich von der angenehmen Süße des wohlbürgerlichen Lebens nicht verführen und einlullen lassen. Es gibt einen Unterschied zwischen Bourgeoisie und einer bourgeoisen Gesinnung. Bourgeois, bürgerlich, sind wir doch inzwischen alle. Es ist dieses konformistische bürgerliche Denken, das gefährlich ist. Wenn das Haus auf dem Land, gegen das nichts einzuwenden ist, zum Statussymbol wird. In diesem Denken geht es nur um Geld. Um Erfolg, Reichtum, Profit. Alle eifern denselben Sachen nach.

Übrigens, es gibt zwei unwürdige Dinge im Leben: sich darüber zu beschweren, dass man zu viel Steuern zahlt, und sich über das Älterwerden zu beschweren.

Älter machen einen in Wahrheit immer die anderen. Man selbst lebt einfach. Ich habe mir in keinem Alter gedacht, so, ab jetzt wirst du vernünftig, ernährst dich gesund, lässt etwas in deinem Gesicht machen. Nein, es sind die anderen, es ist ihr Blick auf einen, der einem das Gefühl gibt, alt zu sein. Ich werde mich nicht übers Älterwerden beklagen, ich wollte noch nie ein Opfer sein. Und irgendwie denke ich, ist das Alter die beste Zeit für Ungehorsam. Was hat man zu verlieren? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, für irgendetwas ins Gefängnis zu gehen. Nicht weiter schlimm, man hat sein Leben gelebt. Das gefällt mir am Älterwerden: Es ist die große Zeit des Vaffanculo!

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Im Kopf muss Wissen nicht unbedingt vorhanden sein. Es gilt doch, und in Zeiten von google und wikipedia umso mehr, zu wissen, wo und an welcher Stelle das Gesuchte zu finden ist. So kommt es zum Beispiel bei der Internetrecherche darauf an, in Suchmaschinenmasken passende Begriffe und Fragen einzugeben. Das kann mehr Intelligenz voraussetzen, als ein wandelndes menschliches Lexikon vorgibt diese zu haben. Einen Wissensgolem braucht niemand.

Bei meiner aktuellen Freizeitlektüre habe ich eine Passage gefunden, welche für mich eine Bestätigung eines sehr subjektiven Wissens ist, in Erinnerung als ich vor Tagen beschäftigt gewesen war, meinen Hausrat zu ordnen und aufzuräumen.

„In der dritten Woche nach Alissas Verschwinden machte sich Roland daran, Ordnung in die überquellenden Buchregale um den Tisch gleich neben der Küche zu bringen. Bücher aufzuräumen ist nicht einfach. Sie lassen sich schwer wegwerfen. Sie widerstehen. Für die aussortierten, die in einen Secondhandladen wandern würden, stellte er einen Karton hin. Nach einer Stunde enthielt er zwei veraltete Reiseführer. In manchen Büchern steckten Zettel oder Briefe, die gelesen werden mussten, ehe sie zurück ins Regal wanderten; in anderen fand er liebevolle Widmungen. Manche Bände waren alte Bekannte, die man nicht einfach aus dem Regal ziehen konnte, ohne sie aufzuschlagen und noch einmal zu kosten – einige Zeilen der ersten Seite oder irgendwo aus der Mitte. Bei einer Handvoll handelte es sich um Erstausgaben, die verlangten bewundert zu werden. Er ist kein Sammler – dies waren Geschenke oder Zufallskäufe.“ 

Lektionen von Ian McEwan

 

Im Verlauf des Romans zitiert McEwan seinerseits aus mehr oder weniger bekannten Erzählungen. Die Vorstellung ist wunderbar, ganze Lebensgeschichten immer wieder rekapitulierend aus Büchern zu füllen, einer russischen Babuschka Puppe nicht unähnlich. Für diese Vorstellung reicht es aus, ein Literatenfreund, weniger ein Bücherwurm zu sein.

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