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Auf die Metaebene gehoben ist der Papst ein Computer-Atheist.

Ohne Sinn und ohne Wissen (siehe botenmeister vom 23. Mai 2024). In einem posthumanen Zeitalter lassen sich Analogien zu religiösen Weltvorstellungen herstellen - Religion, ein Phänomen mit (Un)Sinn, ohne Wissen, nur Glauben.

Gewissermaßen sind die posthumanen Schöpfer in einer Simulation für deren Bewohner wie Götter: Sie haben unsere Welt erschaffen, sind wesentlich intelligenter als wir, sind allmächtig insofern sie in unsere Welt eingreifen und dabei sogar gegen die Naturgesetze verstoßen können. Und sie sind allwissend insofern sie jegliches Geschehen überwachen können.

Dann wäre es ebenso denkbar, dass unser Verhalten nicht nur beobachtet, sondern auch bewertet wird, und vielleicht sanktioniert wird, wie es auch viele Religionen nahelegen. Denn wenn niemand sicher sein kann auf den Boden der Tatsachen zu stehen, dann muss jeder damit rechnen von seinen Simulatoren gleich nach moralischen Maßstäben für seine Taten belohnt oder bestraft zu werden. Auch ein Leben nach dem Tod wäre dann eine reale Möglichkeit. Jede der ineinander verschachtelten simulierten Zivilisationen hätte jeweils Grund sich vernünftig zu benehmen und sich moralisch richtig zu verhalten. Unsere Simulation gegenüber denen, die uns simulieren, diese wiederum denjenigen gegenüber, die sie simulieren - und immer so weiter. In einem wahren Engels-Roulette. So mag man aus dem Nichts eine Art von universell moralischem Imperativ gewinnen, dessen Befolgung in jedermanns Interesse wäre.

Und der Chinese mit der Sozial-Überwachungs-Hochtechnologie wäre schon heute ein religiöser Heilsbringer.

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Blick in die Glaskugel. In der Zukunft werden uns enorme Rechenkapazitäten zur Verfügung stehen, sofern der technische Fortschritt so weitergeht und nicht durch irgendeine schwerwiegende Katastrophe zum Erliegen kommt.

Demnach müsste es eines Tages möglich sein, dass unsere Rechenkapazitäten so groß werden, dass wir menschliches Bewusstsein in Computern erzeugen können. Dies wäre der Schritt ins posthumane Zeitalter. Einigen Wissenschaftlern zufolge ist es nur noch eine Sache von wenigen Jahrzehnten. Der genaue Zeitpunkt ist für unsere Überlegungen allerdings nicht wichtig, denn dass wir in einer Simulation leben, wäre ebenso möglich, wenn eine derartige posthumen Ära noch hunderttausende von Jahren in der Zukunft läge.

Unsere Spezies könnte natürlich aussterben, bevor wir das posthumane Stadium erreichen, weil wir beispielsweise einen riesigen Meteoriten entdecken, der auf die Erde zurast. Dann spräche das wohl für unser Menschheitsende. Wenn wir aber nicht aussterben und das posthumane Stadium erreichen, hätten wir dann nicht mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit ein Interesse, Simulationen der menschlichen Spezies ins Leben zu rufen? Schon allein zu Forschungszwecken oder aus schierer Neugier oder allein aus dem ewigen Bedürfnis heraus uns selbst besser zu verstehen?

Wir könnten mit Hilfe von Ahnensimulationen alternative Verläufe der menschlichen Evolution in Erfahrung bringen. Eine erstaunliche Vorstellung. Zudem eng verwandt mit den Theorien der Quantenphysik und der Annahme der Existenz unendlicher Paralleluniversen.

Andererseits wäre es möglich, dass solche Ahnensimulationen in unserer posthumanen Zukunft verboten wären, da die posthumanen Wesen den Bewohnern ihrer Simulationen kein Leid zufügen möchten. Aus unserer heutigen Sicht ist allerdings unklar, ob die Erschaffung einer menschlichen Spezies als unmoralisch gelten könnte. Neigen wir doch auch dazu, die Existenz unserer Art als äußerst wertvoll anzusehen.

Die Übereinstimmung moralischer Ansichten, Stichwort wertvoll, wäre zudem nicht genug. Hinzukommen müssten soziale Strukturen, die die als unmoralisch betrachteten Ahnensimulationen wirksam verhindern würden. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, dass nahezu alle posthumanen Individuen in nahezu allen posthumanen Zivilisationen, kein Interesse an Ahnensimulationen hätten. Diese müssten sich dann aber erheblich von denen ihrer menschlichen Vorgänger unterscheiden.

Wir verwenden bereits jetzt in nahezu allen Bereichen Simulationen primitiveren Ausmaßes, sei es in der Forschung, der Kunst, der Wirtschaft und nicht zuletzt (er)finden wir sie als spielender Mensch in spielerisch-simulierenden Situationen im Kindesalter. Nehmen wir also an, dass wir in einer Simulation leben, dann würde der beobachtbare Kosmos also nur einen Bruchteil der Gesamtheit alles Physischen darstellen. Die Physik des Universums, in dem sich der uns simulierende Computer befände, könnte der Physik unserer Welt ähneln oder auch nicht. Und obwohl die uns umgebende Welt in gewisser Weise real wäre, handelte es sich bei ihr dann nicht um eine substanzielle Ebene der Realität, da Objektivität fehlen würde.

Der griechische Philosoph Plato wusste um das Wissen, dass wir Menschen gar nichts wissen können. Leben wir also nun in einer Simulation oder nicht? Allein die Frage, mag so mancher denken. Andererseits hat man selbstverständlich jedes Recht, so eine Frage zu stellen. Nur wird man nicht weiterkommen, als sie lediglich stellen zu können. Die Frage allein bringt uns keinen Schritt weiter. Immanuel Kant würde sagen, wenn die Welt eine Simulation wäre, dann wäre der Mensch sich seiner selbst nicht mehr bewusst, da die Möglichkeit von Bewusstsein Objektivität voraussetzt. Und Objektivität wiederum hat als Bedingung, eine Welt außerhalb von uns zu denken, weil wir ein Bewusstsein unserer inneren geistigen Zustände nur im Verhältnis zu äußeren Dingen haben können. Wird deren Gegenwart geleugnet, wird man kein Bewusstsein der eigenen Existenz haben können. Der obigen Frage würde jede Sinnhaftigkeit fehlen - Simulation: vielleicht ja doch, nur ohne Sinn und Wissen.

(Fortsetzung: botenmeister am 6. Juni 2024)

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Sonne, Sommer und der Beginn saisonbedingter Jagden nach Stubenfliegen. Diese sind lästig und dabei noch flink in ihrer insektenspezifischen Feindbeobachtung. Dabei kann der Mensch gar nicht umhin, sich selbst als alleinigen Maßstab für Raum und Zeit zu sehen, das sind nun mal die Basics für jede menschliche Auffassung von Wahrnehmung. Am deutlichsten wird dies im Wort Augenblick. Eine Zeit für den Blick mit dem Auge, den zwei menschlichen Einzelaugen. Es sind keine Facettenaugen wie beim Störenfried, der Stören-Feind-Stuben-Fliege. Nur, welche Auffassung von der lebenden Natur ist die objektiv Richtige?

Aus Versuchen wissen wir, dass unsere Sinne durchschnittlich 18 Eindrücke in der Sekunde aufzunehmen vermögen. Ein Sinnesreiz muss also mindestens 1/18 Sekunde dauern, dass eins dieser Sinnesreize eins unserer Sinnesorgane erregen kann. Vorgänge die schneller verlaufen, zum Beispiel der Flügelschlag von Insekten oder eine Gewehrkugel im Flug, nehmen wir nicht unmittelbar wahr. Ihre Geschwindigkeiten sind schlichtweg zu schnell für unsere Sinne. Anders gesagt, sie sind unserem menschlichen Tempo nicht angemessen.

Stellen wir uns einmal vor, statt 80 Jahren würden wir nur einen Monat auf der Welt sein. In diesem einen Monat aber exakt genauso viele Sinneseindrücke haben wie in den 80 Jahren jetzt. Wohlgemerkt nur wir, nicht die anderen Naturlebewesen. Statt achtzehn Eindrücke in der Sekunde könnten wir demnach fast achtzehntausend Eindrücke in der Sekunde verarbeiten. Einer fliegenden Gewehrkugel, die wir wegen ihrer Geschwindigkeit jetzt nicht sehen können, könnten wir dann gemächlich mit dem Blick folgen, so langsam flöge sie für unser schnell sehendes Auge dahin. Sonne und Mond würden sich so langsam bewegen, dass es uns bereits schwerfiele, uns von ihren Bewegungen eine klare Vorstellung zu machen. Vom Wechsel der Jahreszeiten würden wir selbst nichts wahrnehmen.

In den Schriften unserer Vorfahren läsen wir erstaunt von Zeiten, in denen die Erde ganz mit einer weißen Schicht, dem Schnee bedeckt war, das Wasser fest wurde und die Bäume keine Blätter hatten, dass es dabei sehr kalt war. Und später die Wärme wiederkehrte, das Wasser wieder floss, die Erde sich mit Gras und die Bäume mit Blättern bedeckte. Würden uns diese Berichte viel anders berühren als Mythen und Mären aus unserer fernen Urzeit? Wir würden sie lesen, wie wir heute Drachen und Sintflut sagen, Sagen von versunkenen Städten und Kulturen lesen.

Was aber erst würde sein, wenn unsere Lebensuhr noch rascher ginge? Wenn wir also nicht nur tausendmal, sondern tausend mal tausend, ein eine Million Mal schnelleres Zeittempo hätten. Wir lebten dann nur 40 bis 42 Minuten. Unsere Sinne würden so schnell arbeiten, dass uns fast die ganze Welt stillzustehen schiene. Nichts mehr würden wir vom Wachstum der Pflanzen erkennen können. Die vergänglichsten Blüten kämen uns unvergänglich vor. Vom Wechsel zwischen Tag und Nacht könnte der Mensch während seiner Lebensspanne unmöglich eine Vorstellung gewinnen. Vielmehr würde ein alter Mensch unter diesen Minutenmenschen, wenn er im Sommermonat Juni um 18:00 Uhr abends geboren wäre, gegen Ende seines Lebens vielleicht zu seinen Enkeln sprechen: Als ich geboren wurde, stand das glänzende Gestirn, von dem alle Wärme zu kommen scheint, höher am Himmel als jetzt. Seitdem ist es viel weiter nach Westen gerückt. Aber auch immerfort tiefer gesunken. Zugleich ist die Luft kälter geworden.

Es lässt sich voraussehen, dass es bald nach ein oder zwei Generationen etwa ganz verschwunden sein wird. Und dass dann erstarrende Kälte sich verbreiten muss. Tausende von Generationen müssten dahin gehen, ehe die Menschheit einmal den Kreislauf eines Jahres durchmessen hätte. Unbewegt würden die Vögel in der Luft schweben. Höchstens berechnen könnten wir ihre Flugbewegungen wie wir heute die Bahnen ferner Sterne berechnen.

Wir könnten auch den umgekehrten Weg gehen. Nehmen wir an, unser Zeittempo wäre tausendmal langsamer als es jetzt ist und wir lebten nicht 80, sondern 80 Tausend Jahre. Wie nähme sich da die Welt für uns aus? Alles geriete plötzlich in gespenstische Bewegung. Innerhalb weniger Stunden lösten Frühling, Sommer, Herbst und Winter einander ab. Kaum wären Eis und Schnee geschmolzen, sprössen Gräser und Blumen aus dem Boden hervor, schmückten sich die Bäume mit Blättern, setzten sie die Früchte an und verlören sie ihre Blätter wieder. Die Zierpflanzen in unseren Blumentöpfen und Gärten würden uns wie herrliches Feuerwerk, wie hoch explodierende Raketen vorkommen.

Kaum hätten wir das Saatgut in die unruhig brodelnde Erde gesenkt, schon schösse ein grüner Strahl der Stängel in die Höhe und zerplatzte oben in einem jäh aufleuchtenden Blütenzauber bunter Farben. Einen Augenblick später wäre nichts mehr von allem da, das Feuerwerk bereits zu Ende. Andere Pflanzen würden, wie funkelnde Springbrunnen unaufhörlich vor uns aufsteigen und wieder zusammensinken. Wieder andere, ein seltsam geformtes Gewese wie Schlangen auf dem Boden umherkriechen als suchten sie nach Beute. Fantastisch erschiene uns der Tag Nacht Wechsel. In der einen Minute stünde die Sonne am Himmel, in den nächsten der Mond. Und die Sonne zöge einen leuchtenden Schweif hinter sich her.

Aber was wäre, wenn wir unser tausendfach verlangsamtes Zeittempo noch einmal ums Tausendfache verlangsamten? In dieser Welt gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht. Zu rasch würden Licht und Dunkel aufeinanderfolgen. Ein Feuerring wäre unsere Sonne, eine rasend sprintende Kugel. Und wahrscheinlich würde es lange dauern, bis in dieser verwandelten Welt ein Genius, ein „Kopernikus“ aufstünde, seinen staunenden Zeitgenossen zu verkünden, der Feuerring sei nur Augenschein, die Erde werde in Wirklichkeit von einer strahlenden Kugel erleuchtet. Ähnlich stünde es mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Zwar nähmen wir ihn wahr, aber alles ginge so rasch vorüber, dass wir Mühe hätten, uns dem Wechselspiel der Verwandlungen anzupassen. Kaum hätten wir uns vom Stuhl erhoben, um durch das Fenster in den frühlingshaften Garten zu schauen, schon brausten die Herbststürme durch die Wipfel der kahlen Bäume und einige Sekunden später jagten die Wirbeltänze der weißen Flocken über die leeren Beete dahin.

Zurück auf Start, Musca domestica, zur Stubenfliege. Eine der düstersten Aussichten via Zukunft, ist die einer staugefluteten deutschen Autobahntrasse, versehen mit unzähligen Monstertrucks, an den Steuerknüppeln evolutionär zum Rapid-Move herangezüchtete Großinsekten: Die der Verkehrselite zugehörige Monsterschabe. Dagegen wäre der deutsche Kfz-Führer ein vom Raub- da nieder degeneriertes Schmusekätzchen. Infarktgeschehen.

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Unsere Demokratie braucht eine Revolution. Das ist die Meinung der Historikerin Hedwig Richter und des „Zeit“ Journalisten Bernd Ulrich, Autoren des soeben erschienen Buches „Demokratie und Revolution“.

Die Menschen in westlichen Gesellschaften sind dekadent geworden, so heißt es in dem Buch. Ausgestattet mit vielen Privilegien, werden diese als gottgegeben wahrgenommen, im Gefolge bequemer Lebenshaltung. Wo es um die Verantwortung der Folgen eines Lebensstils gehe, der nun durch krisenhafte Umstände gefährdet sei, da werde das als ein ungerechter Freiheitsentzug verstanden und empfunden. Viele Menschen würden sich von all den äußeren Verantwortung einholenden Umständen provoziert fühlen und als Folge dessen von verantwortungsloser innerer Unruhe ergriffen.

Nun, die Leute protestieren gegen die Klimawende, die Agrarwende, die Energiewende, die Verkehrswende. Entscheidungsträger vor allem in der Politik, die Veränderungen anmahnen, werden diffamiert. Dem Populisten hingegen, der Bestand verspricht, den Verstand versimpelt, dem wird Glauben geschenkt, dem gehört das Ohr und die Stimme. Bliebe doch alles beim Alten, dann sei auch alles wieder in die alte Ordnung gekehrt. Diese Einstellung sei zwar einerseits emotional nachvollziehbar, andererseits aber sachlich falsch, so heißt es im Buch.

Am 22. April wäre Immanuel Kant 300 Jahre alt geworden. Seine Überlegungen sind über 200 Jahre in der Welt. Auch Immanuel Kant spricht von der Notwendigkeit einer Revolution. In moralischer Hinsicht neigen wir alle dazu, für uns selbst Regelverstöße zu tolerieren. Die Lüge zum eigenen Vorteil und zum Nachteil anderer, wenn uns die Wahrheit schädlich scheint. Die Flugreise zum Nachteil der Umwelt trotz schlechten Gewissens. Die Aufzählung kleiner und großer moralischer Verfehlungen ließe sich problemlos fortführen. Wir wählen den eigenen Vorteil, nicht das moralisch Angemessene.

Richtig und falsch - Kants philosophisches Interesse galt nicht der Suche nach dem Guten im Menschen. Als Mensch aus Fleisch und Blut wusste er nur zu gut (!), der Mensch ist weder das eine noch das andere. Der Mensch sei sowohl mit guten als auch mit schlechten Eigenschaften ausgestattet. Unterm Strich sind Menschen moralisch verderbte Egoisten, die sich und andere über ihre selbstsüchtigen Motive täuschen. Auch neigen sie dazu, politische Ämter für eigene Zwecke zu benutzen. Kant machte sich keinerlei Illusionen über den moralischen und sozialen Charakter des Menschen. Deshalb Kants Forderung als Realist: Eine „Revolution der Gesinnung“ - eine Umkehrung der Gewichtung zwischen Eigeninteresse und Moral. Das sei weder gut noch richtig weder schlecht noch falsch, sondern einfach vernünftig.

Denn selbstverständlich dürfe der Mensch sich auch weiterhin ums eigene Wohlbefinden kümmern. Unter einem vernünftigen Maßstab des Tuns und eines Geweses auf die Art, dass das Handeln des Einzelnen gleichzeitig Allgemeingültigkeit aufweist. Dieser Maxime läge kein „Müssen“ in Unfreiheit zugrunde, sondern vielmehr ein „Wollen Können“. Wollen können: Eine menschliche Fähigkeit, die uns, weil mit Verstand ausgestattet, unterscheide von anderen Lebensformen on earth and everywhere. Nicht idealistisch, aber sicher anspruchsvoll ist das sicherlich. Gleichzeitig bescheiden, da es dem einzelnen Menschen die Wahl lässt, Möglichkeiten zu ergreifen oder nicht.

Vernünftiges Handeln ist für Kant somit ein Handeln in Freiheit und ermögliche auch weitere Freiheitsräume. Kants „Revolution der Gesinnung“ ist unter anderen eine Voraussetzung für die in der Regel nur durch Mühen und Grabenkämpfe erreichbare demokratische Konstitution von Staaten. Die Demokratien nannte Kant in Voraussicht Republiken, zu seinen Lebzeiten gab es sie noch nicht. „Demokratie“ wieder in Gefahr und Verruf zu bringen, kommt nach kantscher Begrifflichkeit einem konterrevolutionären Unterfangen gleich. Eine geschichtsphilosophische Vorstellung lautet, ein Schritt zurück, zwei voraus. Optimistisch sein und bleiben.

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Aus Erzählungen meiner Mutter habe ich früh gelernt, das Phänomen Empathie zu verstehen. Und zwar auf die verkehrte Art. Die dialektische Methode verstand ich allerdings erst später als ich hochgeschult wurde. Meine Mutter war damals von Berufs wegen ein „Fräulein vom Amt“. Sie gab Anrufern Auskunft über die damals noch eingeschränkte Erreichbarkeit, mittels der Herausgabe der um des „Fräuleins“ Auskunft bittende Telefonnummer.

Laut der Mutter ergab sich oft ein ähnlicher Dialog folgenden Wortlauts: „Guten Tag, liebes Fräulein. Sie sind die Auskunft. Ich benötige die Telefonnummer meiner Tante.“- „Wie heißt denn ihre Tante?“ - „Erna! Tante Erna!“ - „Und der Nachname?“ - „Ja, so wie ICH.“ - „Gut. Hier vor Ort?“ - „Ja, natürlich. Wo denken Sie denn hin? Etwa in Schabernack oder Billigheim?“ - „Alles gut! Danke bis hierher. In welcher Straße wohnt denn ihre Tante?“ - „Fräulein!! Hier gleich um die Ecke, direkt neben der Änderungsschneiderei Otto Siehdichum. Das dürften selbst Sie nicht übersehen können, sehr geehrtes Fräulein Auskunft.“

Die Behauptung, dass sich zwei weit auseinanderliegende Gegensätze, letztendlich gleichsetzen, deckungsgleich werden - der Kreis dabei als bildliche Anschauungshilfe - hat vernünftige Argumente.

Hier der feste Glaube der um Auskunft Bittenden, der andere könne sich bis zur Hellseherei komplett in einen hineinversetzen, dort die Gewissheit, die eigene Lebenswelt sei exakt die Lebenswelt aller anderen Mitmenschen. Wobei dann in vergleichbaren Lebenssituationen subjektive Bemerkungen so mancher Leute zu hören sind, immer dann, wenn dann plötzlich - Oh Jeh welch‘ Überraschung - die objektiven Naturgesetze nicht nur im außergewöhnlichen WeltAll, sondern auch im gewöhnlich intersubjektiven AllTag gelten: „Das gibt‘s ja gar nicht! - Das ist ja nicht zu fassen! - Wahnsinn!“

„Zwei Dinge erfüllen mein Gemüt…der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ (Immanuel Kant  /    Montag, 22. April 2024 - 300. Geburtstag)

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Der Filmemacher Werner Herzog hat den Begriff ekstatische Wahrheit geprägt: „Ich, Herzog Werner, geboren 1942, sage, dass sich Wahrheit, eine bestimmte, tiefere Schicht von Wahrheit, nur erreichen lässt durch Stilisierung und Inszenierung und Erfindung. Ich nenne es die ekstatische Wahrheit.“

Ist das unreflektiert und starker Tobak in Zeiten wo Fake News einen verheerenden Einfluss auf das politische Geschehen genommen haben? 

„Die wahrhaftigste Dichtung ist die, die am meisten vortäuscht.“ Das sagte bereits William Shakespeare. Und der französische Schriftsteller André Gide meinte, „Ich verändere Fakten auf solche Weise, dass sie der Wahrheit mehr ähneln als der Realität.“

Der Unterschied ist sehr simpel. Die Kunst darf alles, ist regellos. Politik muss sich hingegen an Regeln halten, wie auch das gesamte Nichtkünstliche.

In seinen einerseits fantastischen, andererseits phantastischen Lebenserinnerungen Jeder für sich und Gott gegen alle, wird das von Herzog, Werner näher erklärt; einerseits: „Ich bin immer davon fasziniert, wie andere Menschen Wahrheit ,wahr-nehmen‘.“, andererseits, indem er Beispiele nennt.

„Das einfachste Beispiel ist die Statue der Pietà von Michelangelo in St. Peter in Rom. Das Gesicht von Jesus, vom Kreuz abgenommen, ist das Gesicht eines dreiunddreißigjährigen Mannes, aber das Gesicht seiner Mutter ist das Gesicht einer Siebzehnjährigen. Wollte Michelangelo uns belügen? Hatte er betrügerische Absichten? Wollte er Fake News in die Welt setzen? Er handelte als Künstler ganz selbstverständlich, um uns die tiefere Wahrheit der beiden Personen zu zeigen. Was Wahrheit ist, wissen wir ohnedies alle nicht, weder die Philosophen noch der Papst in Rom und noch nicht einmal die Mathematiker. Ich sehe Wahrheit nie als Fixstern weit am Horizont, sondern immer als Aktivität, eine Suche, den Versuch einer Annäherung.“

Ein von ihm, Herzog, Werner erlebtes Beispiel - sehr eindrucksvoll:

„Nachdem ich in Japan gedreht hatte, interessierte sich auch das japanische Fernsehen für das Phänomen, dass man bei einer Agentur, die inzwischen über zweitausend Akteure vertritt, etwa ein fehlendes Familienmitglied mieten kann oder einen Freund für einen Nachmittag. Der Gründer der Agentur, Yuichi Ishii, spielte in meinem Film die Hauptrolle. Er wird von der Mutter eines elfjährigen Mädchens angeheuert, um so zu tun, als sei er der geschiedene Vater des Mädchens, das sich nach Kontakt zu ihm sehnt. Weil die Eltern auseinandergingen, als die Tochter zwei Jahre alt war, weiß sie nicht, wie er aussieht. Im Übrigen ist auch das Mädchen in meinem Film nicht die wirkliche Tochter, sondern eine wohlinstruierte Schauspielerin.

Yuichi Ishii wurde vom Sender NHK zu seinem Unternehmen interviewt und dann gebeten, einen Kunden zu vermitteln, der die Agentur bereits in Anspruch genommen hatte. NHK interviewte dann einen älteren Mann, der sich für einen sehr einsamen Tag einen „Freund“ gemietet hatte. Doch kam es gleich nach der Sendung zu zahllosen Hinweisen im Internet, der „Kunde“ sei gar kein Kunde gewesen, sondern Ishii habe dem Sender einen Schwindler vermittelt, einen Hochstapler aus seiner eigenen Agentur, der nur so getan habe als sei er ein einsamer Mann. Der Sender entschuldigte sich öffentlich bei seinen Zuschauern, dass man nicht genau genug recherchiert habe. In Japan derart das Gesicht zu verlieren, ist die schlimmste aller Peinlichkeiten. So weit so gut.

Aber jetzt erst wurde es richtig interessant. Ich habe das Folgende nur aus zweiter Hand. Yuichi Ishii verteidigte sich mit dem Argument, er habe mit Vorbedacht einen Darsteller aus seiner Agentur geschickt, weil ein wirklicher Kunde, ein wirklicher alter Mann in der Tiefe seiner Einsamkeit, höchstens die halbe Wahrheit gesagt hätte. Ein wirklicher Kunde hätte, um sein Gesicht zu wahren und um nicht zu tiefen Einblick in sein Innerstes zu geben, vermutlich alles beschönigt, hätte wahrscheinlich zumindest teilweise gelogen. Aber der von Yuichi Ishii vermittelte „Schwindler“, der „Betrüger“, der die Rolle des „Freundes“ eines Einsamen schon Hunderte Male gespielt hatte, wusste genau, wovon er redete, was in den Einsamen vor sich ging. Nur vom Schwindler sei die wirkliche Wahrheit zu erfahren gewesen. Die gibt es ohnedies nicht, und das nenne ich ekstatische Wahrheit.

„Ich bin immer davon fasziniert, wie andere Menschen Wahrheit, wahr-nehmen‘.“, so das Werner Herzog Zitat, siehe oben.

Es gibt Leute, die nur das hören, was sie hören wollen. Bis zu dem realen Phänomen, rein gar nichts vom Gesagten gehört zu haben, da es nicht ins eigene Bewusstseinsschema dringt, das Gerede des anderen sich nicht in einem Austausch einfügt. Für Ermöglichung geringster Wahrnehmung, (ver)spricht Konterpart dann auch Unmögliches, Wahrheitsgrenzen überschreitend. Willkommen bei den Sch’tis.

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Pursuit of Happiness, das Streben nach Glück: Die Mehrheit der Deutschen ist glücklich - wie denn das, alles Glücksstreber, die Deutschen? Seit Jahren belegen die skandinavischen Länder die Spitzenplätze beim regelmäßigen Bullerbü-Ranking. Deutschland ist dabei stets auf den hinteren Plätzen zu finden. 

Jetzt hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov Überraschendes herausgefunden. Nämlich, dass sechs von zehn Deutschen sich als glücklich oder sogar sehr glücklich bezeichnen. Die Nachricht tauche zu Ostern auf, rechtzeitig zum 1. April. Ein Aprilscherz?

Nein, man unterscheide zwischen der privaten Zufriedenheit und der öffentlich medialen Ratlosigkeit. Sind wir doch alle unglücklich verstört, wenn die Nachrichten geschaut werden von den Berichten über Krieg, Klimawandel und Ampelkrach. All dies scheint jedoch offenbar überraschend wenig Einfluss auf die eigene Zufriedenheit und Zuversicht in privater Hinsicht zu haben. Viele verreisen, andere kümmern sich um den Balkon, treffen Freundinnen und Freunde. Das alles gehört zu der guten Privatsphäre, zu jenem Bereich, aus dem die Menschen in Deutschland ihre Zuversicht beziehen.

Wer oft „die sozialen Medien“ besucht und sie dann auch noch ohne eigene aufklarende Verstandesleistung beim Wort nimmt, wird das Ergebnis der Umfrage besonders erstaunt zur Kenntnis nehmen, denn im Internet besteht die Welt immer häufiger aus Betrug, Gefahr, Angst, Protz und Schleimerei. Da wo sich schrill die politischen Extreme äußern, der Lärm der Spaltpilzbetreiber.

Die wesentliche Quelle des Glücks ist aber offenbar nicht medial vermittelt. Es ist in Wahrheit zunächst die nächstliegende Umgebung in Kurzsichtigkeit und auf schmaler Entfernung, wo das Glück ins Auge springt.

Die Hälfte der Befragten freut sich der eigenen Gesundheit, das an erster Stelle. Auf den folgenden Plätzen wurden Partnerschaft, Familie, genug Geld und ein gutes Heim angeführt. Kaum eine dieser Lebensquellen ist ein großes Thema in den Medien. Medial ist das Glück also schwer abzubilden.

Darum ergibt die Umfrage nach Nachdenken Selbstverständliches: Die Mehrheit bezeichnet sich als glücklich – nimmt allenfalls an, dass alle anderen unglücklich sind. Die Berichterstattung zeigt es. Da geht es um Streiks, Probleme und Konflikte und nicht um das, was gerade gut bei einem selbst läuft. Die eigen(tlich)e Lebenswelt gestaltet sich oft nach anderen Prinzipien und Empfindungen als da draußen.

Fazit, die Deutschen erlauben es sich, glücklich zu sein. Das war nicht immer so. Früher waren es nicht die Medien, sondern es war die Religion, die dem privaten Glück entgegenstand: Ist der Zustand deiner Seele so unbeschmutzt, dass du dich an irdischen Kleinigkeiten erfreuen darfst, Du Mensch in Sünde. So fragten die Diener Gottes auf Erden, so fragten die Landeskirchen, so fragte der Heilige Stuhl: Gang und gäbe, nein, ihre immergleiche Antwort.

Ist der neue deutsche Hang zum Glück auch eine Reaktion auf eine sich verdüsternde Weltlage, ein Rückzug in die private Sphäre aus Resignation? Handelt es sich um die berüchtigte, seit Generationen schon beklagte Weltflucht des Kleinbürgertums, der die Ungerechtigkeit der Welt hinnimmt und dabei die Geranien auf der Fensterbank pflegt, den Kotflügel schamponiert, mit dem Hund, den Kotbeutel auch als scharfe Bio-Handwaffe zum Abzug bereithaltend, kriegsertüchtigt Gassi geht? Das wäre dann wieder typisch deutsch.

χρ τ + _ 98

In der Frühphase der Privat-Fernsehsender (RTL, Sat.1, VOX) wurden auch Kulturmagazine des Medienunternehmens dctp ausgestrahlt. Die Sender wurden damals vertraglich verpflichtet, einen geringen Anteil ihrer Sendezeit kulturellen Themen zu widmen. Intellektuelles Fernsehen bei den Privaten - heute unvorstellbar.

So konnte auch das Fernsehpublikum den Filmemacher Alexander Kluge kennenlernen, der, während er seine Gesprächspartner interviewte, selbst nicht im Bild zu sehen war. Alexander Kluge fungierte als Fragesteller „aus dem Off“.

Weiße Hemden trage ich 1-3 Tage. Es kann passieren, dass ich nicht sofort einen objektiv winzigen, jedoch einen nach der Entdeckung stetig subjektiv ins Auge stechenden Schmutzfleck wahrnehme. Das Hemd muss dann geschwind in den Schmutzwäschebeutel, das Hemd ist von gleich auf jetzt untragbar geworden.

Irgendwann viel mir bei Kluge sein fast jeder Frage, fast jedem Satz angehängtes Ja auf, einem Ja im Fragezeichenton. Mein TV-Gerät entging dem Schmutzbeutel, nicht jedoch der Ausschaltung. Einmal wahrgenommen, sofort Restless Legs.

Seitdem sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Inzwischen haben Soziologen, Pädagogen und auch Psychologen das fürs Individuum bestimmte Narzissmus-Phänomen gleich auf die gesamte Gesellschaft übertragen und sprechen nun von narzisstischen Gesellschaften.

Bisher glaubte man, die auch häufig viel zu schnell und zu Unrecht als Narzissten titulierten Menschen sprachlich an den Unmengen des verwendeten Wortes Ich und seinen kleinen Geschwister mir, mich, meins… erkennen zu können. Jenen Menschen, denen es auch nicht genügt sich stillschweigend fremdbeobachten zu lassen, da es dann ja nur heißen kann „Schau mal, ER/SIE geht in die Küche.“ Nein, für diese Menschen müssen selbst eigene Körperbewegungen sich der Selbstverkündung würdig erweisen: „ICH gehe jetzt in die Küche.“ Wort und Tat verschmelzen hier im Egoschritt.

Die neuste verbale Mode ist, diese fiel mir zuerst bei Interviews der Spieler nach Fußballtrettreffen auf:

Ja und Genau 

Dabei haben diese beiden Wörter nicht die Funktion der herkömmlichen Füll- bzw. Überbrückungswörter. Nicht so wie beim rhetorisch verschmähten Ausdruck Äh. (Gefürchtet wie sein Aufschlag ist sicher das zur Berühmtheit gewordene Boris-Becker-Äh.)

Ja (mit Ausrufezeichen) pointiert die eben geäußerte Wichtigkeit des Gesagten und soll mögliche Widerworte und alternative Ansichten ins Leere laufen lassen. Die Wortwahl Genau akzentuiert die Perfektion des Gesagten, besser ließe sich das auch bei ehrgeizigstem Willen nicht ausdrücken, so die beigefügte nonverbale Zusatzbotschaft. Beides zusammen unterstreicht die eigene Großartigkeit.

Alexander Kluges Anhängsel stellte seine eigenen Aussagen noch in Frage, auch wenn er seine Fragen mitunter selbst und nicht seine Interviewpartner beantworteten - nicht klug, auf alle Fälle wenig höflich. Diesen Zweifel gibt es heute nicht mehr. Widerspruch, Kritik, andere Meinungen, man gucke nur in die Internetforen, erzeugen Kopfschütteln, Unverständnis, Wut - das ganz große Gewese. Ja/ Genau sind die Dechiffrierungsbegriffe unsere Zeit. Um das zu erkennen, muss man den Leuten lediglich aufmerksam zuhören. Klar, klingt ein wenig nach unauflösbarem Zirkelschluss.

 “I can see the truth in his statement”        Diminished - R.E.M.    UP (1998)

χρ τ + _ 97

Wenn der Kabarettist Johann König sagt: „Das muss man sich nur immer, immer wieder sagen.“, ...dass das Leben beispielsweise schön sei. Dann ist klar, dass das Leben, ja, dass das Leben gar nicht so schön ist. Keineswegs so schön wie behauptet - also dann eher nicht.

Wenn mein Gegenüber mehrmals sagt, dass es doch überhaupt nicht schlimm sei, dann ahne ich, ES ist schlimm. Und je zahlreicher die Wiederholungen, dass es doch gar nicht so schlimm sei, desto "schlimm hoch zwei" ist ES in Wirklichkeit.

Und wer - es sind viele - Alles gut sagt, will offenbar Gelassenheit demonstrieren. Dabei gehört die Aussage Alles gut als Sprachmarotte der Stunde in die Kategorie des Nerv-Sprechs.

Auf Platz 1 der Nerv-Sprech-Hitparade, hat das Alles gut die Spitzenposition erreicht und hält sich dort unangefochten. Nahe am - Vorsicht Kalauer: Trink gut. Nur ohne oder einem Jetzt-erst-recht-Kater. Mit Alles gut kommt wenig Interesse am Gegenüber zum Ausdruck, wobei Alles gut nicht selten mit einem passiv-aggressivem Unterton geäußert wird. Passiv, wegen „Bitte Ruhe jetzt, bitte. - Schluss bitte und Ende der Durchsage.“ Gleichzeitig auch aggressiv, da unterschwellig mitschwingt: „Wehe, wenn nicht, dann gibt‘s was auf die Finger - mindestens, Sie der Herr, Er die Dame, Du du Balg“.

Mit Alles gut gibt man sich auch schein-tolerant und gegenüber den widrigen Alltagsstörungen gefeit, geradezu immun: „Pardon, dass es so lange dauert. – Alles gut“.  „Ich würde das gerne nochmal bereden. – Alles gut“.

Alles gut ist die Formel, die überall dort zum Einsatz kommt, wo eigentlich präzise Rücksprache oder höfliches Entgegenkommen gefragt wäre, doch in hektischen Zeiten gibt es ja glücklicherweise dieses Kommunikationsfallbeil Alles gut im Sprach-Labyrinth.

Schluss. Finito. Isch over.       Alles gut!

χρ τ + _ 96

Im letzten Eintrag lautet eine Textpassage: „Das, was wir uns nicht vorstellen können: Wie es wäre, die Freiheit nicht zu haben.“

Diese fehlende Vorstellung passt zu einem Zustand des Verfalls, verursacht durch Maßlosigkeiten in Lebensgewohnheiten und überkandidelten Ansprüchen. So etwas nennt man gewöhnlich Dekadenz.

Gleichzeitig macht sich das Gefühl von Furcht und Angst in den westlichen Wohlstandsgesellschaften breit: Angst in und vor zukünftigen Krisen in Zeiten großer Veränderungen und Unsicherheiten. Es ist die Angst, das Wohlstandsleben nicht weiterführen zu können.

Ein Klassiker der politischen Philosophie und ein wichtiger Text der Liberalismus-Theorie ist das Werk der bereits 1992 verstorbenen Judith Shklar. Titel der deutschen Übersetzung: Liberalismus der Furcht.

Judith Shklars Kernthese ist, dass Furcht die elementare, die Menschen am tiefsten berührende Form der Unfreiheit ist. Die schrecklichste Furcht ist die vor Grausamkeit, fundamental die körperliche Grausamkeit, die Folter. Gemeint sind aber auch die anderen Formen von Erniedrigung, Verachtung, und Demütigungen aller Art.

Jeglicher Gebrauch von Freiheit - wie immer man diese versteht - setzt Angstfreiheit voraus. Furcht und Angst sind die Repräsentanten der Unfreiheit in jedem einzelnen Menschen. Es herrscht Angst vor der Furcht, respektive Furcht vor der Angst.

Die Hauptbotschaft des verstorbenen russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny lautete: „Habt keine Angst!“ In Übersetzung: „Werdet frei in einem unfreien Staat!“ Und im Freiheitswunderland USA faselt der 45., vielleicht bald 47. Präsident der Vereinigten Staaten von Blutbad gleichen Auseinandersetzungen. Ja, die Bürger der USA haben in diesem Jahr die (noch) freie (vielleicht letzte) Wahl.

Die Furcht vor Grausamkeit, das klingt einfach und wenig ambitioniert und könnte dazu verleiten, Shklars Freiheitsbegriff als radikale Form jener Negativen Freiheit - der Freiheit von etwas, etwa von staatlichen Zumutungen - zu verstehen, die sich unterscheidet von der Positiven Freiheit, der Freiheit zu etwas, etwa zur Selbstverwirklichung, zu politischer Gestaltung und zu den Selbstoptimierungen ohne Rücksicht auf andere.

Der negative Freiheitsbegriff ist gut sichtbar, gegenwärtig in den vulgären Formen eines Internet- und Pöbelliberalismus. Da werden dann alle Gemeinwohlzumutungen brüsk mit dem Verweis auf die individuelle Freiheit des Ichs weggebürstet, vom Tempolimit bis zum Impfen, vom Steuerzahlen bis zur Bekämpfung des Klimawandels.

Judith Shklars Freiheitsbegriff ist der Freiheitsbegriff der Stunde. Der Blick wandert dabei wahlweise westwärts über den Atlantik, aber vor allem ostwärts in Richtung asiatische Steppe. Und in naher, jedoch gut eingeübter Nabelschau vermehrt ins Gehirn-Hier und Herz-Zu Lande.

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