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Die Generation 60 plus ist bereits verrentet bzw. pensioniert oder steht kurz davor. Sie ist mehr mal weniger privatisiert, was sie wiederum bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne mitteilt. ("Privatiers mit abgeschlossener Vermögensbildung" - Harald Schmidt)

Sie ist hinreichend informiert durch die Medien und durch Gespräche mit ihresgleichen. Spätestens mit dem Club of Rome - Bericht von vor über 50 Jahren weiß die Generation 60 plus um den schlechter werdenden Naturzustand dieser Welt. Viele fühlen sich der Ökologie verpflichtenden Lebensweise nahe, am liebsten jedoch mit einem Gratisetikett auf der Stirn, dann ist sie, die innere Einstellung, gut sichtbar gegenüber der Außenwelt. Verteidigen mit Vehemenz und Gratismut ihre selbstverdient erworbenen Privilegien, u.a. ihr geerbt vermachtes Hab und Gut. Leben selbstverständlich natürlich-nachhaltig, im ökonomischen Bereich oder im zwischenmenschlichen, doch niemals in beiden zugleich.

Übrigens, diese Gruppe glaubt an eine links-liberal-ökologische Mehrheit im Land, allein weil sie sich dieser zugehörig fühlt. Was diese Gruppe auf die Palme bringt, ist Veränderung. Was sie auf die Palmzweigenden bringt, sind an sie adressierte Verzichtsappelle. Sie haben aber ein Kommunikationsmittel für sich entdeckt – Sich empören, Schimpfen, Klagen, dass es einem nicht gut geht, obwohl es einem gut geht, denn diese schizophrene Selbstverzerrung schafft halt Gehör und Aufmerksamkeit im Internetzeitalter und beim Gesprächspartner. Ihr bestes und unschlagbarstes Kommunikationsmittel lautet: Keine Verbote!

Was auch deshalb schizophren ist, weil alles, was früher Regeln und Verordnungen waren, heute aus Motiven des Eigennutzes zum Verbotsduktus umgedeutet wird. Die ordnungsliebenden Deutschen wertschätzen eigentlich Regeln und Verordnungen. Was sie jedoch fürchten, wie sonst nur den Wolf im Märchenwald, sind Veränderungen, womöglich Verzicht. Veränderungen, auch positive, machen sie erstmal haltlos. Was dann folgt bei den meisten: Angst, die sprichwörtliche German Angst.

P.S: Der Verfasser gehört nach gründlicher Selbstbesinnung auch zu Dänen. Ein gesundes Selbstbewusstsein leugnet halt keine Fakten! Und zu diesem gesunden Selbstbewusstsein gehört Selbstkritik, Kritik im ursprünglichen Wortsinn, was da meint, die Grenzen und Beschränkungen einer Sache zu erkennen – Zweifel und das in Frage stellen gehören mit aller Selbstgewissheit, na aber logo, jawohl, dazu.

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Als stoische Philosophie bzw. Stoizismus wird einer der wirkmächtigsten philosophischen Lehren in der abendländischen Philosophiegeschichte bezeichnet. Die von Zenon von Kition um 300 v. Chr. im antiken Griechenland begründete philosophische Richtung erreichte zuerst dort, später um die Jahre vor und nach null unserer Zeitrechnung in der römischen Welt ihren Höhepunkt.

Das besondere Merkmal der stoischen Philosophie ist die offene, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein aus natürlichen Zusammenhängen waltendes universelles Prinzip ergibt. Vertreter dieser Denkrichtung werden als Stoiker bezeichnet. Für den Stoiker ist individuelles Handeln und die praktische Lebensführung entscheidend, um einen sinnvollen Platz als soziales Wesen in der Gemeinschaft einzunehmen. Das gelingt am ehesten, indem er per Gelassenheit und Seelenruhe sich in emotionaler Selbstbeherrschung übt.

Nach dem Tod seiner berühmtesten Vertreter – Seneca, Gaius Rufus, Epiktet und dem römischen Kaiser Mark Aurel, um die wichtigsten vier zu nennen - stürzte der Stoizismus in eine Krise, seine Bedeutung schwand. Der Mangel an charismatischen Lehrern und der Aufstieg des Christentums waren die Hauptgründe für den Niedergang der einst so populären Philosophie.

Eine Lebensmaxime, wie man von äußeren Umständen unabhängig wird, innerlich gefestigt und unerschütterlich in sich ruhend Zufriedenheit findet. Durch Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung zur inneren Unabhängigkeit gelangen, so die Devise. Die Ataraxie, die sprichwörtlich gewordene stoischen Ruhe: Durch sie wird echte Autonomie erreicht, gegen jegliche Ansprüche von außen und gegen jegliche Art von Gruppenzwängen. Handeln statt Reden ist ein weiterer Leitgedanke. Von den hier erwähnten Hauptvertretern jeweils ein Zitat, sowie zum Schluss ein Literaturtipp:

 Es verblüfft mich immer wieder: Wir alle lieben uns selbst am meisten, und doch ist uns die Meinung anderer wichtiger als unsere eigene.  Marc Aurel (121 n. Chr. – 180 n.Chr.)

 Da jeder Mensch sterben muss, ist es besser, in Würde zu sterben, als lange zu leben.  Gaius Rufus (circa 30 n. Chr. – ca. 100 n. Chr.)

 Erkläre deine Philosophie nicht. Verkörpere sie.  Epiktet (circa 55. Chr. – ca.135 n. Chr.)

 Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansegeln will, für den ist kein Wind der richtige.  Seneca (circa 4. Chr. – 65 n. Chr.)

 Die Reise, bei der ich Schiffbruch erlitt, war eine erfolgreiche Reise.  Zenon von Kition  (um 300 v. Chr.)

Jonas Salzgeber: Das kleine Handbuch des Stoizismus. Zeitlose Betrachtungen um Stärke, Selbstvertrauen und Ruhe zu erlangen.

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Die Menschen, alle Lebewesen sehen die Welt durch eine rosa-rote Brille. Brille als Metapher denken und rosa/rot streichen, dann kommt man der Wirklichkeit sehr nahe. Derjenige, der das schon frühzeitig gesehen hatte, war Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts Immanuel Kant.

Der Mensch erkennt die Wirklichkeit nur so, wie er sie wahrnimmt, und nicht so, wie sie ist. Ob und wie die Wirklichkeit ungefiltert existiert, das überfordere die menschliche Denk- und Erkenntnisfähigkeit. Und auch die Sinneswelt der Kreaturen, anscheinend reich an Erfahrungsmomenten, vermag daran nichts ändern.

Wirklichkeit und Wahrnehmung, Objektivität und Subjektivität, Wissen und Glaube, Natürliches und Übernatürliches sind strukturell sich ähnelnde Dipole.

Wie Wahrnehmung funktioniert, darüber kann man wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, so wie man einen Pulk von Marathonläufern während des Laufs beobachten kann, ohne zu wissen, wer als Sieger am Ziel eintreffen wird. Und so wie man beim Sport dopen kann, so kann man bei dem Prozess der Wahrnehmung manipulieren, um ein gewünschtes Ergebnis zu bekommen – bis hin zu Wirklichkeitsverzerrungen und Wirklichkeitsleugnung.

Wobei Lügen und Fakenews die Mittel und der Gebrauch derselben, die Methoden des bewussten und gezielter Einflusses von Mächtigen auf Ohnmächtige sind - das ist dann Manipulation. Dabei ist sie stets intersubjektiv und ihr Grad beschreibt die Macht- und Herrschaftsverhältnisse der Menschen untereinander. Je hierarchischer die Machtverhältnisse, desto stärker das Potential von Manipulation und jenes zu deren Aufrechterhaltung.

Im Zusammenhang über Missbrauchsfälle in der katholischen Welt wird zurecht auf das amtsverpflichtende und widernatürlich perverse Sexualverhalten der Kleriker hingewiesen. Eine zumindest ebenso gewichtige Rolle als Erklärung spielt meines Erachtens die gewaltige hierarchische Struktur der Amtskirche, die Pforten der Gewalt öffnen.

Das gleiche Muster gilt für das Leben zwischen den Geschlechtern mit tradierten Rollen. Es gilt für die mafiöse Welt und für alle autoritären bis hin zu den diktatorischen Staatengebilden.

Kant hat auch erkannt, dass Aufklärung die Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist. Er meinte damit die Befreiung von fremdem Einfluss, basierend auf Macht, Herrschaft sowie Gewalt. Um Missverständnisse aus dem Weg zu gehen: Auch die Demokratie ist eine Herrschaftsform, nicht frei von Macht, es kommt jedoch auf die Dosis an. Die Gewalt ist hier nach Rechtsregeln so weit wie nötig, so weit wie möglich eingehegt. Demokratien operieren nach Möglichkeit im Hellen und auf Sicht, Diktaturen im Dunkeln hinter einer „schwarzen Dunkelbrille“ - nicht zufällig eine der Verbildlichungen der Geheimdienstorganisationen.

Demokratien stehen für angenäherte Wirklichkeitsformen; ein Spieß- und Wutbürger gibt sich mit einer Annäherung natürlich nicht zufrieden. Repressive Staatsformen stehen für eine manipulierte Wahrnehmungswelt.

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Der Verkehr nimmt zu. Der Platz dafür ist endlich. Straßenverkehr ist gemeint und selbstverständlich ist man Partei – es kommt in erster Linie darauf an, mit welchem Verkehrsmittel man unterwegs ist.

Zugreisende erregen sich selten bis nie über Autofahrer, höchstens in der Theorie oder im Allgemeinen, jedoch nicht in der Praxis und in den Kampfzonen. Umgekehrt ist das genauso. Bei Autofahrern und Radfahrern ist das anders: konfliktgeladen und wenig harmonisch.

Wie gesagt, ich möchte hier keine Partei ergreifen, denn ich sitze gerade weder hinter dem Lenkrad noch auf dem (Drahtesel)Sattel, sondern auf dem Schreibtischstuhl und bewege mich gerade auf einem verkehrsgesicherten, weil unbeweglichen, mehr oder weniger stauähnlichen und somit neutralen Terrain.

In der Stadt, in der ich lebe, gibt es realisierte und geplante Verkehrskonzepte, so auch in der Stadt, in der ich ebenfalls gerne leben mir wünsche. Beide Städte haben einen Hauptbahnhof, beide einen oder mehrere Autobahnanschlüsse. Und beide Städte werben gerne mit einem Etikett wie „The best and most livable bike mega world metropole - La méga métropole mondiale du vélo la meilleure et la plus vivable - Den bedste og mest beboelige cykel mega verdensmetropol“.

Im Grunde könnten beide Verkehrskonzepte voneinander Nutzen beziehen. Warum das schwierig ist, so meine These, könnte am unterschiedlichen Nationalcharakter liegen, in diesem Fall dem niederländischen einerseits und dem deutschen andererseits.

Während meiner Studentenzeit hatte ich ein Seminar über die Soziologie der Niederlande besucht und überrascht feststellen müssen, dass der katholische Anteil der Bevölkerung etwa gleich groß ist wie der protestantische. Bis dato war ich davon ausgegangen, die Niederlande sei ein mehrheitlich protestantisches Land. Beide Bevölkerungsgruppen leben mehr oder weniger getrennt voneinander und wenig miteinander. Dies funktioniert unter einem nationalen Dach allerdings nur dann weitgehend störungsfrei, nämlich bei einer, der niederländisch sprichwörtlichen Toleranz. Sicher, ein Idealtypus, aber deswegen nicht prinzipiell eine Unmöglichkeit.

Deutschland hingegen, die verspätete Nation, war historisch über lange Zeiten ein geopolitischer Flickenteppich, der nur mit vielen Regeln und Verordnungen funktionierte. Der deutsche bürokratische Überlauf heutzutage ist eine direkte Nachwirkung davon.

Und diesen Flickenteppich gibt es auch im deutschen Verkehrswegeplan: Gehsteige, Autofahrbahnen, Fahrradwege, Parkplätze etc. zwar getrennt gekennzeichnet, aber physisch unzureichend voneinander getrennt. Wird doch bei genügend Regeln, Verordnungen und Verboten - deutscherprobt - schon funktionieren, so die Erwartungshaltung.

Nach einem Feldversuch mit Radlern und Autofahrern in beiden Städten, wurden die Teilnehmer anschließend gefragt, welche Merkmale ihnen, auch im Vergleich, dabei aufgefallen seien. Das Ergebnis: Da wo die Verkehrswege konsequent getrennt sind, wobei die Trennung ja gar nicht so rigoros vollzogen werden muss, wie zwischen Straße und Schiene ;-) , da sei alles besser gewesen: Verkehrsfluss, Verkehrssicherheit und nicht zuletzt der menschliche Gefühls- und Erregungshaushalt aller Beteiligten, nicht zuletzt der menschliche Gefühls- und Erregungshaushalt, nicht zuallerletzt, ja wirklich, der menschliche Gefühls- und Erregungshaushalt tatsächlich aller Beteiligten.

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Früher hatte das Bildungsbürgertum das Universallexikon, den 24-bändigen Brockhaus im Bücherregal stehen. Für historisch Interessierte gab es die 12-bändige Durant Kulturgeschichte der Menschheit - Sammelbände zur Selbsterbauung oder auch zur Fremdangabe.

Im Google- und Wikipedia Zeitalter sind diese Nachschlagwerke entweder ganz verschwunden oder ins Antiquariat verbannt.

Heute möchte ich für zwei Bücher werben, von denen ich mir wünsche, dass sie nicht im Antiquariat verstauben, im Regal unberührt gelassen werden, stattdessen des Öfteren mit Neugierde aufgeschlagen werden.

Geschichte - Von den Ursprüngen der Menschheit bis Heute

(Die Große Bild – Enzyklopädie, Dorling Kindersley Verlag, Penguin Random House, deutsche Ausgabe, 2015)

Die kongeniale Ergänzung dazu:

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt (deutsch 2023, 6. Auflage)

Erstes Buch ist ein brillant illustrierter Bildband mit zugehörigen Texterläuterungen, ein historischer Themenband in chronologischer Abfolge. Die zweite Empfehlung ein thematisch ebenso reich umfassendes Illustrier-und Kartenwerk, sozusagen: Historischer Atlas 2.0

Was die Digitalisierung und auch e-books (noch) nicht leisten können, ist eine gleichwertige Bild- und Kartenwiedergabe. Zwei Bücher, die die Welt nicht braucht, weil sie selbst eine (Lese)welt für sich sind.

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Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov hat den diesjährigen International Booker Prize verliehen bekommen. Sein Roman Zeitzuflucht ist mit diesem renommierten Literaturpreis ausgezeichnet worden.

Die Feuilletonkritik hat in erster Linie den Parabelcharakter dieses Romans betont. Die Hauptfigur eröffnet eine „Klinik für Vergangenheit“ in der Alzheimer-Kranke leben. Im weiteren Verlauf bevölkern auch die „Gesunden“ diesen Ort der Erinnerung. Je mehr diese verschwindet, desto wertvoller wird die Vergangenheit, desto unsicherer die Gegenwart, desto beängstigter die Zukunft. Günstige Voraussetzungen in der Tat auch für Populisten jeglicher Couleur mit ihrer Verherrlichung der Vergangenheit und dem Angstmachen vor der Zukunft. Eine Parabel über unsere gegenwärtige Zeit!

Ein genauso wichtiger Aspekt: Wer jemals Umgang mit Personen, erkrankt an Alzheimer hat oder hatte, wird das tiefe Gefühl von Einsamkeit aller Beteiligten (nach)empfinden, wenn er dieses Buch liest. Diese emotionalen Passagen und die Schilderungen unzähliger Facetten von Verlassen-Sein und Verlassen-Werden machen diesen Roman so besonders.

„Ach ja, es gab noch ein kurzes Gespräch, am letzten Tag. Erst da erfuhr ich, dass Gaustín in einem verlassenen Haus in einem kleinen Städtchen am Fuße des Balkangebirges lebte. Ich habe kein Telefon, sagte er, aber Briefe kommen an. Er kam mir unendlich einsam vor und … unzugehörig. Das war das Wort, dass mir damals in den Sinn kam. Nicht zugehörig zu nichts in der Welt, oder genauer gesagt, zur gegenwärtigen Welt. Wir betrachteten den verschwenderischen Sonnenuntergang und schwiegen. Aus dem Gebüsch hinter uns erhob sich eine ganze Wolke von Mücken. Gaustín folgte ihnen mit dem Blick und sagte: Während das für uns einfach nur ein weiterer Sonnenuntergang ist, ist dieser Sonnenuntergang für die heutigen Eintagsfliegen der Sonnenuntergang ihres Lebens. Oder so etwas in der Art. Ohne nachzudenken, sagte ich, das sei doch nur eine abgedroschene Metapher. Er schaute mich verwundert an, blieb aber stumm. Erst nach einigen Minuten meinte er: Bei denen gibt es keine Metaphern. …

… Nach diesem Brief beschloss ich, nicht weiter zu antworten. Er schrieb mir auch nicht mehr. Weder zum nächsten Neujahr, noch zum übernächsten. Allmählich verblasste die Erinnerung, und wenn da nicht einige Briefe wären, die ich immer noch aufbewahre, würde ich wahrscheinlich selbst nicht daran glauben. Aber es sollte anders kommen. Einige Jahre später erhielt ich erneut einen Brief von Gaustín. Ich hatte böse Vorahnungen und es nicht eilig, ihn zu öffnen.“

Georgi Gospodinov, Zeitzuflucht

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Psychotherapeuten haben einen sogenannten Supervisor, der hilft den Unrat, welcher sich in Therapiesitzungen anhäuft, wegzuräumen. Das passiert, um den Therapeuten in eine gesunde Lage zurückzuversetzen, seine Arbeit fortzuführen.

Helfer und medizinisches Personal an schrecklichen Unfallorten bekommen auf Wunsch im wahrsten Sinne des Wortes seelsorgerischen Beistand, um ihre Helfertätigkeiten verarbeiten zu können.

Katholische Priester haben ihren Bischof, die Bischöfe haben ihren Pabst, der Pabst hat den lieben Gott!

Apropos Liebe, mit Augenzwinkern. Die Familie ist die Keimzelle der menschlichen Liebe, hervorgegangen durch die liebevollste Vereinigung ever, die zweier Menschen. Auf diesem zwischenmenschlichen Gelände brauchen wir noch nicht einmal notwendigerweise den Respekt als Beziehungskitt, anders als in den oben erwähnten Verhältnissen, wo Respekt, der Respekt des Ausprechen-Lassens, der Zuhör-Respekt das Mindeste ist, um Dialogfähigkeit zu ermöglichen. Benötigen "nur die Liebe". Fehlt diese, herrschen im schlimmsten Fall zwischen den Familienmitgliedern Abhängigkeiten und krasse Machtverhältnisse vor. Innerhalb der Familienstrukturen ist es eine Hölle auf Erden.

Der Buddhismus kennt keinen Gottesbegriff. Für viele Menschen ist er aus diesem Grund zur Hälfte lebenstherapeutische Hilfe, zur anderen Hälfte ethischer Ratgeber, nur keine Religion.

Aus einem Buch:

„Mein thailändischer Lehrer Ajahn Chah behauptete, dass Mönche Mülleimer sein sollten. Mönche sollen in ihren Klöstern sitzen, sich die Probleme der Menschen anhören und deren ganzen Unrat aufnehmen. Eheprobleme, Schwierigkeiten mit heranwachsenden Kindern, Beziehungskonflikte, finanzielle Sorgen, Einsamkeiten, …

… aus Mitgefühl heraus sitzen wir da, hören zu, geben Einblick in unser friedliches Leben, und werden mit Müll überhäuft.

Ajahn Chah gab einen zusätzlichen essenziellen Rat. Er empfahl uns Mönchen, Mülleimer mit einem Loch im Boden zu sein. Wir sollten allen Abfall aufnehmen, aber keinen bei uns behalten.

Daher sollte ein hilfreicher Freund oder Berater wie ein bodenloser Mülleimer sein, der nie zu voll ist, um sich noch ein Problem anzuhören.“

Ajahn Brahm, Die Kuh, die weinte

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Es gibt großartige Kunst und es gibt gelinde formuliert verirrte Künstler. Kann Kunst geschätzt werden, wenn der Urheber dieser Kunst verächtliche Überzeugungen öffentlich vertritt? Der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun, der deutsche Komponist Richard Wagner, sie sind lange tot. Roger Waters, führendes Ex-Pink Floyd-Bandmitglied, lebt. Er ist gerade in Deutschland auf Konzerttour gewesen und am letzten Freitag erschien seine neue CD. Updatevarianten altbekannter Stücke. Große Kunst! Herausragend das Stück Comfortably Numb. Das Original ist bekannt auch wegen des fantastischen Gitarrensolos von David Gilmour, welches hier selbstverständlich von Roger Waters gestrichen wurde. Das Ergebnis: Reinhören! Die „Liebste Feind-Beziehung“ Gilmour/Waters ist halt legendär und wird auch immer wieder upgedatet.

 

Der Songtext, die (sehr) freie Übersetzung und ein Kommentar.

Comfortably Numb - Bequeme Illusionen - DPS (Dekadentes Parvenu-Syndrom)

 

Hallo? Hello! Moin!!

 

Ist da drinnen jemand? Is there anybody in there? Ja, die Konzerthalle ist ausverkauft.

 

Beweg dich einfach, wenn du mich wahrnimmst Just nod if you can hear me Darf dir also applaudieren?

 

Und jemand dort zu Hause? Is there anyone home? Alles wie zu Hause – überall Sitzplätze!

 

Antworte Come on now Moin! Moin!

 

Ich bin hier, weil du dich elendig fühlst. I hear you're feeling down Werde dich gerade deshalb musikalisch gut unterhalten.

 

Weil ich deine Schmerzen lindern kann Well I can ease your pain Musik entspannt die Muskeln und Glieder.

 

Werde ich dich wieder aufrichten Get you on your feet again Bleibe lieber sitzen, eh keine Stehplätze da.

 

Entspannung ist jetzt angebracht Relax Dann leg los!

 

Dafür brauche ich aber Infos über dich I'll need some information first Meine Daten? Die Ticketpreise sind schon heftig gewesen.

 

Die Basics genügen mir allerdings Just the basic facts Steuernummer und Bankverbindungsdaten also.

 

Kannst du mir zeigen, wo es weh tut? Can you show me where it hurts? In den Ohren, wenn du politisch wirst, Roger.

 

Sicher, es gibt sie, die chronischen Schmerzen There is no pain you are receding Weil Du immerzu diffamierst, Roger.

 

Aber ein fernes Zeichen am Horizont A distant ship smoke on the horizon Gut, dann werde endlich altersmild.

 

Du kommst nur im Auf und Ab durch dein Leben You are only coming through in waves Das ist eine Binsenweisheit!

 

Kann deine Mimik und Körpersprache nicht deuten Your lips move but I can't hear what you're saying Die Bühne ist zu weit weg.

 

Als Kind hatte ich ADHS. When I was a child I had a fever Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivitätsstörungen! Die hast Du noch immer.

 

Meine Hände fühlten sich an wie taub My hands felt just like two balloons Mit einer Hand das Mikrophon, mit der anderen die Riffs deiner Bassgitarre – das geht noch.

 

Dieses Gefühl hält bis heute an Now I've got that feeling once again Wem sagst Du das.

 

Ich kann es nicht erklären und du würdest es auch nicht verstehen I can't explain you would not understand Dann höre auf, deine unsäglichen Parolen herauszuhauen!

 

Eigentlich bin ich ganz anders This is not how I am Was du aber als A-Prominenter auch öffentlich machen müsstest.

 

Bin jedoch wie in einer Blase verfangen I have become comfortably numb Armer Idiot!

 

Nur ein kleiner Nadelstich hinein … Just a little pinprick Ja, es wäre ganz einfach. Vielleicht mit Davids Gitarrenplektrum?!

 

Nur, sie gibt es nicht … nein There'll be no more, ah Stehst dir doch selber im Weg.

 

Aber vielleicht fühlst du dich nur ein wenig krank But you may feel a little sick Wenn es doch so einfach wäre.

 

Dann könntest du einfach aufstehen? Can you stand up? Alles gut!

 

Ich glaube, dass dies möglich wäre I do believe it's working, good Sag doch: Alles gut. Alles roger, Roger!

 

Und das wird dich dann durchs Leben bringen That'll keep you going through the show Sogar am Ende der Wegstrecke.

 

Komm jetzt, es wird Zeit Come on it's time to go Wahr getönt, Roger.

 

Die Schmerzen werden zwar bleiben There is no pain you are receding Schade!

 

Eine ferne Hoffnung aber am Horizont A distant ship, smoke on the horizon Immerhin.

 

Im Auf und Ab genau dorthin You are only coming through in waves Morgens hü & abends hott.

 

Wirklich verstehen – auch jetzt noch nicht Your lips move but I can't hear what you're saying Im Dialog geht das, im Monolog eher nicht.

 

Als ich ein Kind war When I was a child Werde jetzt nicht weinerlich, Roger!

 

Da hatte ich noch andere Möglichkeiten I caught a fleeting glimpse Sicher und die Milch gab es noch aus der Kanne.

 

So einige in meiner Welt Out of the corner of my eye Ein Leben – tausend Wege.

 

In alle Richtungen des Lebens, alle weg I turned to look but it was gone Selbst der Pink Floyd Pfad, auf dem jetzt der David wandelt.

 

Ich kann es kaum glauben: I cannot put my finger on it now Wie gesagt: Stehst dir doch selbst im Wege.

 

Ich bin jetzt erwachsen The child is grown 79 Jahre und 80 Lenze

 

Keine Träume mehr The dream is gone Dafür deine FakeNews.

 

Aber auch nicht wirklich wach! I have become comfortably numb Du Gehirntoter!

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Kürzlich ist hier über Narzissmus geschrieben worden. Dieses Thema soll erneut aufgegriffen werden, ohne diesen Begriff ein weiteres Mal zu verwenden. Vielmehr geht es um die Frage, wie die eigene Zufriedenheit möglich ist - oder auch verfehlt wird.

Im Grunde gibt es nur ein Hindernis für den eigentlich von jedem von uns angestrebten Zustand der Zufriedenheit, den Frieden mit sich selbst. Und dieses Hindernis sind wir, nicht andere Personen, nicht die Umstände.

Folgende Situation: Wir geraten in Streit und werden verbal beleidigt. Normalerweise fühlen wir uns direkt und persönlich angesprochen, mehr noch, wir fühlen uns angegriffen. Wie sonst sollte unsere Reaktion auch ausfallen? Alternativ könnten wir aber auch eine besondere Distanz schaffen und die Beleidigung einfach hinterfragen, mit der Überlegung, dass mich der andere doch gar nicht umfassend kennt. Täte er das, würde er sich nicht so äußern.

Methodisch schaffe ich so eine Distanz zu meinem Ego. Und beobachte mich selbst bei diesem Vorgang - das ist die Pointe. Auf mein Hinhören beleidigter Worte, schaffe ich diese eigene Distanz zu meinem Ego und finde dabei mein eigenes Selbst, finde ein Korrektiv zu den Beleidigungen, um beim Beispiel zu bleiben.

Eine derartige Distanz ist eine Form der Selbstbeobachtung und nicht eine Abart von Distanz, welche lediglich ein Nebens-Sich-Stehen wäre, und deshalb wenig authentisch und hilfreich. Es geht stattdessen um eine besondere Art der Selbstachtsamkeit, die auch unsere eigene Körpersprache, unsere eigene Mimik sensibilisiert. Ergebnis: Diese Distanz ermöglicht eine Selbstversöhnung mit unseren Gefühlen; Emotionen, die bei Beleidigungen, Angriffen, Verletzungen und Ablehnungen unserer Persönlichkeit verständlicherweise negativer Art sind: Wut, Ärger, Empörung, Vergeltungsgelüste, etc.

Nochmals zum Unterschied des Phänomens Ego vs. Selbst: Ego ist, was ich meine zu sein, mir jedoch größtenteils von außen vorgesetzt wird. Selbst ist, was ich bin.

Anmerkung und das in Form einer Meinung,  ;-) : Wer denkt, der wertet nicht. Wer aber wertet und urteilt, hat ständig eine Meinung. Nur, Urteile haben ihren Ort typischerweise vor Gericht und in der Schule, aber nicht in der gesamten Lebenswelt. Deshalb kratzt dieses ganze Getöse der akuten Meinungsgesellschaft so sehr an unsere Nerven!: „ Ich finde…, ich finde…, Ich  finde“!: Meine Güte, die Zeit der großen Weltentdeckungen liegt längst hinter uns, Ihr Weltentdecker, die Ihr immer wieder etwas findet!  

Distanz zum Ego schafft ein Selbst, schafft ein wahres Selbstbewusstsein. Es ist eine Verwandlung vom Ichling zum Selbst.

Und wie ermögliche ich generell eine Haltung, die für eine Distanz zu mir im obigen Sinne sorgt? Zum Beispiel durch Neugier auf Dinge, auf Mitmenschen, bei denen ich vielleicht sogar der Meinung bin, sie wären erst einmal nichts für meine Gewohnheiten und Vorlieben. Da mir mein Gegenüber nicht gleicht in seinem mir so eigenwilligen Dasein, passt er mir per se nicht, passt gar nicht zu meinen Vor-Urteilen. Schlimmer noch: Da ich mir gar nicht vorstellen kann, dass es andere Menschen mit anderen Meinungen und Ansichten geben kann, ja gar nicht geben darf, bin ich stets verwundert und ständig in einer empörenden Lebenshaltung gegenüber der Welt, meiner unmittelbaren Umwelt gegenüber. Ich bin dann im sogenannten Spießbürger-Modus mit mehreren Überschussdosen „Moralin“ in meinen Adern und Venen, in einem Modus Disvivendis, welcher in erster Linie, ja, nur mir selbst schadet und so gar keine Ver_Söhnung um mich herum schafft.

Schlimmer noch: Verliert sich die gesunde Gier auf Neues und Unbekanntes, verkümmert der Mensch. Man verbittert und ist einsam - ist sprichwörtlich verdammt zur Einsamkeit.

„Es gibt fast nichts in der weiten Welt, was sich nicht mit meiner Existenz verbinden ließe.“ Karl-Markus Gauß (Reiseschriftsteller)

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Die philosophische Erkenntnistheorie kennt die „Hypothese von der Computersimulation“. In dem Buchbestseller „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier aus dem Jahr 2020, inzwischen ist auch die Taschenbuchausgabe erschienen, wird u.a. diese Theorie in einer unterhaltsamen und spannenden Erzählung dargestellt, wobei Kritik und Leserschaft die Mischung aus Thriller, Komödie und großer intelligenter Literatur lobt. Zum Inhalt: Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Die Turbulenzen sind heftig, doch die Landung glückt. Allerdings: Im Juni desselben Jahres landet dieselbe Boeing mit denselben Passagieren ein zweites Mal. So führen alle beteiligten Personen auf unterschiedliche Weise ein Doppelleben. Es gibt sie tatsächlich doppelt und sind jeweils mit sich selbst konfrontiert, in der Anomalie einer verrückt gewordenen Welt. Hier ein Schlüsselkapitel, mit der Überschrift Descartes 2.0 :

 

Freitag, 25. Juni 2021, Hypothesenraum, McGuire Air Force Base (USA)

Müde Menschen sind streitsüchtig. Erschöpfte erheblich weniger. Es ist sechs Uhr morgens, als Adrian, Tina und ihre ersten zwanzig Experten sich in einer Kommandozentrale einrichten. Um sieben Uhr sind es, im Takt der Helikopter, die sie nach McGuire einfliegen, vierzig. Es werden Sofas aufgestellt, Smartboards angebracht, ein Soldat schließt eine Espresso Maschine an.

Eine Minute reicht aus, um die Situation darzulegen. Es folgen zehn Minuten für Fragen, und Tina und Adrian beschränken sich darauf, das Unwahrscheinliche zu wiederholen: Diese Leute im Hangar sind in der Tat dieselben wie jene, die bereits hundertsechs Tage zuvor gelandet sind, und das im selben Flugzeug. Der Dialog zwischen Adrian Miller und Ricardo Bertoni - er steht auf der Shortlist des Physik Nobelpreises 2021 für seine Arbeiten über die schwarze Materie - gibt ein Resümee der Lage:

- Sie verarschen uns, Professor Miller?

- Wenn es doch so wäre.

Um neun Uhr morgens, während Tina Wang gerade die interdisziplinäre Sitzung im Hypothesenraum moderiert, kehrt Adrian wieder zur Task Force zurück. Meredith sowie ein großer, schlanker Typ mit üppigem grauem Haar und stahlblauen Augen begleitet ihn. Silveria zeigt auf einen Videokonferenz-Bildschirm, auf dem bekannte Gesichter zu sehen sind:

- Professor Miller, der Präsident der Vereinigten Staaten ist uns direkt zugeschaltet, aus Rio, desgleichen der Außenminister und der Minister für Heimatschutz.

- Dieses Phänomen ist ungeheuerlich, Herr Präsident, beginnt Adrian und kratzt sich am Hals, aber wie schon Arthur C. Clarke sagte: Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Zauberei nicht zu unterscheiden. Wir konnten zehn Hypothesen aufstellen, sieben davon sind scherzhaft gemeint, drei verdienen unsere Aufmerksamkeit, und eine hat die Zustimmung der Mehrheit. Beginnen wir mit der Einfachsten.

- Bitte sehr, sagt Silveria.

- Das „Wurmloch“. Ich überlasse der Topologikerin Meredith Harper das Wort.

Meredith greift auf dem Schreibtisch nach einem schwarzen Stift und ein Blatt Papier, das sie in der Mitte faltet. Sie hat den starken Eindruck, in der pädagogischen Sequenz eines Science-Fiction-Films mit ganz niedrigem Budget zu spielen, aber was soll’s.

- Danke Adrian. Nehmen wir an, der Weltraum könnte wie ein Blatt Papier zusammengefaltet werden ... aber in einer Dimension, die uns nicht zugänglich und keine der drei uns bekannten ist. Falls unser Universum tatsächlich der Stringtheorie gehorchen sollte, handelt es sich um einen Hyperraum mit zehn, elf oder sechsundzwanzig Dimensionen. In diesem Modell ist jedes Elementarteilchen eine Art von in mehreren Dimensionen um sich selbst gewickelte, vibrierende Saite, wobei jede Saite auf verschiedene Weise schwingt. Können sie mir folgen? ...

Der Präsident verharrt mit offenem Mund, weist starke Ähnlichkeit mit einem fetten Barsch unter blonder Perücke auf.

- Also, in den nun gefalteten Weltraum machen wir ein „Loch“ ...

Meredith Harper sticht mit der Spitze des Bleistifts durch das Papier und schiebt den Zeigefinger durch die Öffnung ... - und können nun ganz leicht von einem Punkt in unserem dreidimensionalen Weltraum zu einem anderen Punkt gelangen. Das nennt man eine Einstein–Rosen–Brücke, ein Lorentz-Wurmloch mit negativer Masse.

- Ich verstehe, sagt der Präsident der Vereinigten Staaten und runzelt die Stirn

- Das alles folgt den Gesetzen der klassischen Physik. In unserem Einstein‘schen Raum überschreiten wir nicht die Lichtgeschwindigkeit. Aber durch die Öffnung eines Vortex im Hyperraum kann man im Bruchteil einer Sekunde zwischen den Galaxien hin und her reisen.

- Diese Vorstellung findet sich in zahlreichen Romanen, sagt Adria, der Meredith zu abstrakt findet. In Dune von Frank Herbert, oder anderen. Und die Idee ist in einem Film wie Nolans Interstellar übernommen worden. Oder in der Serie Star Trek mit dem Raumschiff USS Enterprise.

- Star Trek! Die habe ich gesehen, richtig, ruft der Präsident plötzlich dazwischen.

- Gewöhnlich, nun ja, wie soll ich sagen, fährt Meredith fort, durchschreitet man im selben Augenblick Raum und Zeit, es gibt keinerlei Grund dafür, dass sich was auch immer verdoppelt. Und hier haben wir nun diese beiden Flugzeuge ...

- Das ist, als ob das Raumschiff Enterprise an zwei Punkten des Weltraums auftauchte, begeistert sich Miller, mit zwei Captain Kirk und zwei Mr. Spock, zwei ...

- Danke, Professor Miller, sagt Silveria, wir haben verstanden ... Und die zweite Hypothese?

- Wie nennen Sie den „Fotokopierer“, wir haben das mit Brian Mitnick von der NSA angesprochen.

Mitnick nickt und zieht den Schmollmund des braven Schülers, der nicht wenig stolz darauf ist, erwähnt zu werden.

- Wie Sie wissen, fährt Miller fort, hat die Revolution des Bioprinting begonnen ...

- Pardon? Seien Sie bitte klarer!, fordert Silveria, der den präsidentiellen Unmut vorausahnt und selbst in die Rolle des Unbedarften schlüpft.

- Man druckt biologische Materie in 3D. Innerhalb einer Stunde kann man heutzutage ein menschliches Herz von der Größe einer Maus herstellen. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Genauigkeit der Auflösung verdoppelt, desgleichen die Geschwindigkeit des Druckers und das Volumen der reproduzierten Objekte. Wenn man die exponentiellen Kurven in jedem dieser Bereiche weiterverfolgt, ist man bei konservativer Schä ...

- Ich bin konservativ, unterbricht der Präsident und Miller fragt sich einen Augenblick lang, ob das ein Scherz ist.

- Also, fährt der Mathematiker fort, in weniger als zwei Jahrhunderten werden wir im Bruchteil einer Sekunde ein Objekt wie dieses Flugzeug scannen und mit einer Auflösung, die sich in Atomen bemisst, genauso schnell drucken können. Es stellen sich indes zwei Probleme: Erstens, wo stand der Drucker? Zweitens, woher kamen die Rohstoffe zur Herstellung des Flugzeuges und der Passagiere?

- Aber das ist es ja ... dieses Bild des „Fotokopierens“, wirft Meredith ein, geht davon aus, dass es Original und Kopie gibt. Und aus dem Fotokopierer in unserem Büro ist das, was immer zuerst herauskommt die Fotokopie.

- Ich verstehe, denkt Silveria laut. Das „kopierte“ Flugzeug wäre mithin am vergangenen 10. März gelandet. Und es wäre das „Original“, dass gerade gelandet ist. Warum sollten wir in diesem Fall die Elemente der beiden Gruppen unterschiedlich behandeln, nur weil das erste Flugzeug …

... zuvor aus dem Fotokopierer herausgekommen ist ..., schließt Meredith.

- Ich möchte noch die letzte Hypothese ansprechen, ergreift Miller wieder das Wort. Sie enthält den größten Zuspruch, ist aber auch die schockierendste.

Auf dem Bildschirm schüttelt der Präsident den Kopf und stellt mit gerunzelter Stirn, die Ausweis seiner Konzentration ist, die Frage:

- Wollen sie von einem Eingriff Gottes sprechen?

- Äh, nein, Herr Präsident … diese Hypothese hat niemand vorgebracht, antwortet Miller überrascht.

Silveria wischt sich über die Stirn.

- Kommen wir zur dritten, Miller.

- Wir nennen sie die „Bostrom-Hypothese“. Ich spreche von Nick Bostrom, einem Philosophen, der in Oxford lehrt und zu Beginn des Jahrhunderts …

- Das ist sehr lange her, seufzt der Präsident.

- Zu Beginn dieses Jahrhunderts, fährt Miller fort. Genauer gesagt 2002. Ich übergebe das Wort an Arch Wesley von der Columbia–Universität, er ist Logiker.

Der große Typ mit dem wirren Haar tritt an eine Tafel, an die er eine Gleichung kritzelt …

 

Fsim  = (fpfiNi) / ((fpfiNi)+1)

 

… bevor er sich mit einem gütigen Lächeln und leicht dosierte Aufgeregtheit dem Bildschirm zuwendet:

- Guten Tag Herr Präsident. Bevor ich diese Gleichung erkläre, möchte ich damit beginnen, über die Realität zu sprechen. Alle Realität ist eine Konstruktion, und mehr noch eine Rekonstruktion. Unser Gehirn ist in der Dunkelheit und Stille des Schädels eingeschlossen, es hat keinen anderen Zugang zur Welt als über Sensoren, also unsere Augen, unsere Ohren, unsere Nase, unsere Haut: Alles, was wir sehen, fühlen, wird ihm über elektrische Leitungen, unsere Synapsen ... unsere Nervenzellen, zugeleitet, Herr Präsident.

- Ich hatte verstanden danke.

- Natürlich. Und das Gehirn rekonstruiert die Realität. Auf Grundlage der Zahl seiner Synapsen stellt das Gehirn zehn Millionen Milliarden Operationen pro Sekunde an. Sehr viel weniger als ein Computer, doch mit mehr Vernetzungen. Aber in ein paar Jahren wird man es schaffen, ein menschliches Gehirn nachzustellen, und dieses Programm wird einen gewissen Bewusstseinsgrad erreichen. Eric Drexler, der Spezialist für Nanotechnologien, hat ein System von der Größe eines Zuckerwürfels ersonnen, das in der Lage wäre, hunderttausend menschliche Gehirne zu reproduzieren.

- Hören Sie auf mit Ihren Milliarden, ich verstehe kein Wort davon, sagt der Präsident, und viele meiner Kollegen auch nicht. Fahren Sie bitte mit ihrer Darstellung fort.

- Gut, Herr Präsident. Stellen wir uns bitte einmal höhere Wesen vor, deren Intelligenz zu unserer im selben Verhältnis besteht wie die unsere zu der eines Regenwurms … Unsere Nachfahren vielleicht. Stellen wir uns außerdem vor, dass wir über so leistungsstarke Computer verfügen, dass sie mit größter Genauigkeit in einer virtuellen Welt ihre „Vorfahren“ wiederaufleben lassen können und sie dabei beobachten, wie sie sich auf unterschiedlichen Schicksalsbahnen entwickeln. Mit einem Computer von der Größe eines kleinen Mondes könnte man milliardenfach die Menschheitsgeschichte von der Geburt des Homo sapiens an simulieren. Das ist die Hypothese der Computersimulation …

- Wie in dem Film Matrix?, fragt der Präsident im Tonfall dessen, der nicht verstanden hat.

- Nein, Herr Präsident, antwortet Wesley. In Matrix sind es Maschinen, die Energie aus den Körpern echter Menschen ziehen, gefesselte Sklaven aus Fleisch und Knochen. Diese gestatten Ihnen, in einer virtuellen Welt zu leben. In unserer Hypothese ist es umgekehrt: Wir sind keine realen Wesen. Wir glauben, menschliche Wesen zu sein, dabei sind wir nur Programme. Sehr hoch entwickelte Programme, aber dennoch Programme. Wie der Agent Smith in Matrix, Herr Präsident. Nur dass der Agent Smith weiß, dass er ein Programm ist.

- Das heißt also, ich sitze in diesem Moment nicht an einem Tisch und trinke meinen Kaffee?, äußert sich Silveria. Was wir wahrnehmen, fühlen, sehen … auch das wäre simuliert?  Alles ist falsch?

- Das ändert nichts an der Tatsache, Herr General, dass sie gerade an diesem Tisch einen Kaffee trinken, fährt Wesley fort, es ändert sich nur, woraus der Kaffee und der Tisch gemacht sind. Es wäre ganz einfach: Die maximale Brandbreite der sensorischen Wahrnehmung ist beim Menschen nicht sehr groß. Die Kosten für die Simulation aller Geräusche, Bilder, taktilen Wahrnehmung und Gerüche wären belanglos. Selbst unsere Umwelt ist nicht sehr schwer nachzuahmen, alles hängt von der Detailgenauigkeit ab: „Simulierte Menschen“ würden keine Anomalien in ihrer virtuellen Welt feststellen, sie hätten ihr Haus, ihr Auto, ihren Hund und selbst ihren Computer, wo wir gerade dabei sind.

- So wie in der britischen Serie Black Mirror, Herr Präsident, souffliert Adrian Miller …

Der Präsident runzelt die Stirn, und Wesley fährt fort.

- Im Übrigen: Je weiter wir in der Kenntnis des Universums fortschreiben, desto mehr scheint es uns auf mathematischen Regeln zu beruhen.

- Aber bei allem Respekt, Herr Professor, unterbricht ihn Silveria, ließe sich nicht mit einem Experiment nachweisen, dass sie uns irgendeinen Blödsinn erzählen?

- Ich fürchte nein, amüsiert sich Wesley. Wenn die künstliche Intelligenz, die uns simuliert, bemerkt, dass ein „simulierter Mensch“ sich anschickt, die Welt durchs Mikroskop zu betrachten, braucht sie ihm nur genügend „simulierte“ Details zu liefern. Im Fall eines Irrtums bräuchte man lediglich die Disposition der „virtuellen Gehirne“ neu zu programmieren, die eine Anomalie bemerkt hätten. Oder einige Sekunden zurückzugehen mit einer Art Undo-Funktion, verstehen Sie, und die Simulation erneut so durchzuführen, dass Probleme vermieden werden …

- Was sie da erzählen, ist lächerlich, platzt der Präsident heraus. Ich bin kein Super Mario, und ich werde unseren Mitbürgern auch nicht erklären, dass sie Programme in einer virtuellen Welt sind.

- Ich verstehe, Herr Präsident. Aber andererseits ist ein Flugzeug, das aus dem Nirgendwo auftaucht und die exakte Kopie eines anderen ist, mit all seinen Passagieren und bis hin zum kleinsten Ketchup-Fleck auf dem Teppichboden, auch unwahrscheinlich. Erlauben Sie mir, Ihnen die Formel zu erklären, die ich aufgeschrieben habe?

- Machen Sie schon, entfährt es dem Präsidenten wütend. Aber schnell.

- Ich erkläre Ihnen die Grundidee. Ich möchte ihnen zeigen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass wir mit unserem Bewusstsein Teil dieser Simulationen sind. Eine technische Zivilisation öffnen sich nur drei mögliche Schicksale: Sie kann natürlich aussterben, bevor sie die technologische Reife erreicht hat, wofür wir mit der Umweltverschmutzung, der Klimaerwärmung, dem sechsten Sterben und so weiter ein großartiges Beispiel abgeben. Ich für meinen Teil denke, dass wir, ob simuliert oder nicht, untergehen werden.

Der Präsident zuckt mit den Schultern. Aber Wesley fährt fort:

- Aber das ist nicht das Thema. Nehmen wir trotz allem an, dass jede tausendste Zivilisation sich nicht selbst zerstört. Sie erreicht ein posttechnisches Stadium und versieht sich mit einer unvorstellbaren rechnerischen Leistungsstärke. Und nehmen wir weiter an, dass unter diesen überlebenden Zivilisationen eine einzige von Tausend den Wunsch hat, die „Vorfahren“ oder „Konkurrenten ihrer Vorfahren“ zu simulieren: Dann wird diese eine von einer Million technischen Zivilisationen ganz allein in der Lage sein, sagen wir, eine Milliarde „virtueller Zivilisationen“ zu simulieren. Und unter „virtueller Zivilisation“ verstehe ich jeweils Hunderte von virtuellen Jahrtausenden, während derer Millionen von virtuellen Generationen aufeinanderfolgen, die Hunderte von Milliarden denkender Wesen in die Welt setzen werden, die ebenso virtueller Natur sind. Ein Beispiel: In den fünfzigtausend Jahren ihres Daseins sind weniger als hundert Milliarden Cro–Magnon-Menschen über die Erde gewandert. Die Cro-Magnon, also uns, zu simulieren, ist eine einfache Frage der Rechenkapazität. Folgen Sie mir?

Wesley schaut nicht auf den Bildschirm, wo der Präsident die Augen zum Himmel verdreht, und fährt vor:

- Was zählt ist Folgendes: Eine hypertechnisierte Zivilisation kann tausendmal mehr „falsche Zivilisationen“ simulieren, als es „echte“ gibt. Was bedeutet, dass, wenn man sich aufs Geratewohl ein „denkendes Gehirn“ herausgreift, meines, Ihres, die Chancen so stehen, dass es sich in 999 von 1000 Fällen um ein virtuelles Gehirn handelt und in einem von Tausend, dass es ein echtes ist. Anders gesagt, das „Ich denke, also bin ich“ aus Descartes‘ Discours de la méthode ist obsolet. Vielmehr gilt: „Ich denke, also bin ich ziemlich sicher ein Programm.“ Descartes 2.0, um die Formel einer Topologikerin aus unserer Gruppe zu zitieren. Können Sie mir folgen, Herr Präsident?

Der Präsident sagt nichts. Wesley beobachtet ihn, wie er in seiner trotzig wütenden Haltung verharrt, und schließt:

- Sehen Sie, Herr Präsident, ich kannte diese Hypothese, und bis zum heutigen Tag schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Existenz nur ein Programm auf einer Festplatte sei, mit eins zu zehn ein. Nach dieser „Anomalie“ bin ich mir so gut wie sicher. Das würde im Übrigen Fermis Paradoxon erklären: Wenn wir niemals Außerirdischen begegnet sind, dann nur, weil deren Existenz in unserer Simulation nicht vorprogrammiert ist. Ich denke sogar, dass wir mit einer Art Test konfrontiert sind. Weiter gedacht könnte es sein, dass die Simulation uns, eben weil wir uns nunmehr vorstellen können, Programme zu sein, diesen Test vorschlägt. Und es liegt in unserem Interesse, ihn zu bestehen, oder wenigstens etwas Interessantes daraus zu machen.

- Und warum?, fragt Silveria.

- Weil, wenn wir versagen, die Verantwortlichen dieser Simulation sehr wohl alles abbrechen könnten.

Hervé Le Tellier, Die Anomalie

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